Zahlen - oder keine Operation

Mandel-OP gegen Bares: Mutter mit Hartz IV muss 270 Euro drauflegen

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Viel Geld für Mutter und Tochter: Kerstin (links) und Diana Maletz zeigen die Quittung der Mandeloperation. Diana Maletz hatte sich das Geld bei ihrer Mutter Kerstin geliehen. 

Vellmar. Ein krankes Kind ist für die meisten Eltern eine große Belastung. Für Diana Maletz kam bei einer Mandel-OP auch noch finanziell eine böse Überraschung hinzu.

„Mein 12-jähriger Sohn musste wegen einer Mandelentzündung schnell operiert werden“, sagt die Vellmarerin. „Es war akut, mit einem Antibiotikum war nichts mehr zu machen.“

Doch statt einer klassischen Mandelentfernung schlug der behandelnde HNO-Arzt eine schonendere Methode per Sonde, die sogenannte Coblation, vor.

Wegen des Risikos der Nachblutung käme für ihn eine klassische operative Entfernung nicht mehr infrage. „Da das Verfahren aber eine individuelle Gesundheitsleistung (Igel) ist, sollte ich die rund 270 Euro aus eigener Tasche zahlen“, sagt Diana Maletz. Zu viel für die chronisch kranke Arbeitslosengeld-Empfängerin. Ein zinsloses Darlehen wurde ihr vom Jobcenter verwehrt: „Sie sagten, sie seien nicht zuständig.“

Die Zeit drängte, trotzdem versuchte sie einen Mediziner zu finden, der ihr helfen kann. „Ich klapperte alle Ärzte in Kassel und Umgebung ab, wandte mich an die Kassenärztliche Vereinigung und telefonierte sogar bis nach Eisenach und Bad Salzungen in Thüringen“, so Maletz. Doch kein Arzt konnte oder wollte die klassische Methode zur Mandelentfernung anbieten. „Also blieb mir nur die Wahl zu zahlen oder gar nicht operieren zu lassen. Das kam natürlich nicht infrage.“ Am Ende sprang die Familie ein. „Zum Glück konnte ich mir das Geld doch noch von meiner Mutter leihen. Mein Sohn wurde dann mit der neuen Methode vom ursprünglich behandelnden HNO-Arzt operiert“, erzählt Diana Maletz.

Dem Mediziner will sie keinen Vorwurf machen: „Wir haben uns bei ihm jederzeit gut aufgehoben und beraten gefühlt. Die OP ist gut verlaufen.“

Wütend: Kerstin Maletz demonstrierte auf dem Rathausplatz in Vellmar, um auf ihre Geschichte aufmerksam zu machen.

Es gehe ihr hauptsächlich um die fehlende Wahlfreiheit bei der Behandlungsmethode. „Für Minderverdienende sind fast 300 Euro viel Geld, das kann einen schon in den Ruin treiben. Für solche Fälle ist der Sozialstaat doch da.“

Inzwischen hat Diana Maletz Widerspruch bei der Krankenkasse eingelegt: „Wenn das nichts hilft, wende ich mich an das Bundesministerium für Gesundheit.“

Um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen, organisierte Dianas Maletz’ Mutter Kerstin eine kleine Demonstration auf dem Rathausplatz Vellmar. Spendengeld wollte sie von den Passanten aber nicht annehmen. „Ich wollte Eltern aufklären, was sie bei einer Mandeloperation ihrer Kinder erwarten kann.“

Mandel-OP: Fragen und Antworten

Viele Kinder und Erwachsene müssen sich an den Mandeln operieren lassen. Wir haben die Kaufmännische Krankenkasse (KKH), bei der Diana Maletz und damit auch ihr Sohn versichert ist, gefragt, was es mit den Kosten auf sich hat und welche medizinischen Alternativen existieren.

Was ist diese alternative Behandlungsmethode und wird diese von anderen Kassen übernommen?

Die sogenannte Coblation-Tonsillektomie stellt eine schonende Operationsmethode zur Mandelentfernung dar. Dabei werden die entzündeten Mandeln blutungsarm durch Radiofrequenzenergie entfernt. Das Energiefeld ist klein und dringt nur wenig in das Gewebe ein. Die Kosten dafür werden von den gesetzlichen Krankenkassen derzeit nicht übernommen.

Gibt es weitere Alternativen?

Die KKH bietet ihren Versicherten auch die Teilentfernung der Gaumenmandeln mittels Laser (Lasertonsillotomie) in einzelnen Regionen an. Das Angebot wird je nach Bundesland entweder über die integrierte Versorgung oder im Rahmen einer mit der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung abgeschlossenen besonderen Vereinbarung erbracht. Zielgruppe dieser Verträge sind aber ausschließlich Kinder, die das siebte Lebensjahr noch nicht vollendet haben.

Kann man sich auch später die Mandeln nur teilweise entfernen lassen?

Medizinischen Einschätzungen zufolge ist eine Teilentfernung der Gaumenmandeln nur bis zur Vollendung des siebten Lebensjahres zu empfehlen. Versicherte sollten in der näheren Umgebung der Behandlungsorte wohnen, da mehrere ambulante Termine für Vor- und Nachsorgeuntersuchungen notwendig werden.

Wie sieht die klassische Methode der Mandelentfernung aus?

Die altbewährte und vollständig von der Krankenkasse bezahlten Methode stellt die klassische Tonsillektomie dar. Dabei handelt es sich um eine Entfernung der Gaumenmandeln, die mithilfe chirurgischer Instrumente aus ihrem Bett geschält werden. Die Operation wird unter Vollnarkose, bei Erwachsenen selten auch unter örtlicher Betäubung, ambulant oder stationär durchgeführt. Der Patient muss sich danach für einige Zeit schonen. Das Klinikum Kassel bietet diese Methode für Erwachsene und Jugendliche nach wie vor an. Eine Tonsillektomie ist eine der am meisten durchgeführten Operationen.

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