Ausgleich für das Bauprojekt „Alte Ziegelei“

Mehr als 1000 Molche in Vellmar mussten in neues Gewässer umziehen

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Neues Biotop: Auf einer artenreichen Wiese in Obervellmar setzt Torsten Cloos Molche in einen neuangelegten Teich. In dem Gewässer haben sich auch schon Erdkröten ausgebreitet, wie die vielen kleinen Kaulquappen im Uferbereich belegen.

Vellmar. Mehr als 1000 Teich- und Bergmolche sind in den vergangenen Tagen aus einem Teich auf dem Gelände der alten Ziegelei in Niedervellmar in ihr neues Gewässer in Obervellmar umgezogen.

Aber warum der ganze Aufwand? Mit dem Umzug der Amphibien soll ein Ausgleich für das Bauprojekt „Alte Ziegelei“ geschaffen werden. Der Investor JH Immobilien, der auf dem Grundstück Wohnhäuser bauen will, kommt damit einer Forderung der Naturschutzbehörde nach.

Das Feuchtbiotop auf dem seit Jahrzehnten brachliegenden Industriegelände in Niedervellmar war lange Zeit nicht bekannt: „Es war alles waldartig zugewachsen“, sagt Uwe Niede vom Fachbereich Bauen und Umwelt. Nachdem das Grundstück von Bäumen und Büschen befreit worden war, sei der Teich erst entdeckt worden.

Diplom-Biologe Torsten Cloos vermutete sofort, dass dort Molche leben könnten. „Ich habe vor einem Jahr Proben genommen und eine Reuse reingehängt.“ Und er hatte recht: in dem Gewässer lebt eine beachtliche Population von Berg- und Teichmolchen. 

Umzugshelfer: Uwe Niede vom Fachbereich Bauen und Umwelt legt Äste im Teich ab. Dort sollen die Molche ihren Laich ablegen können.

„Bei der Menge war klar, wir brauchen einen neuen Teich“, sagt Niede, der das Projekt Molchumzug für die Stadt Vellmar begleitet. Die Kommune hat dafür eine Wiese in Obervellmar bereitgestellt. Bereits im vergangenen Herbst hatten Mitarbeiter des städtischen Bauhofs auf dem Grundstück einen Teich angelegt, der sich aus Grundwasser speist. Das sei wichtig gewesen, damit sich ein gesundes Teichklima entwickelt, in dem sich die Molchpopulation gut ansiedeln kann.

Mit den Amphibien sind auch andere Lebewesen wie der Rückenschwimmer (Wasserwanze) aus Niedervellmar in den neuen Teich umgezogen. Außerdem wurden Stöcke, Äste und Steine abgelegt, damit die Molche ihre Eier ablegen können. Die Amphibien befinden sich in der Balz und halten sich deshalb bevorzugt im Wasser auf – auch, um dort ihren Laich abzulegen. Dieses Verhalten nutzt Cloos, um möglichst viele Tiere einzufangen und umzusiedeln. „Molche leben sonst die meiste Zeit an Land.“ Eine komplette Umsiedelung sei nicht möglich, aber es sollen soviele Exemplare wie möglich den Umzug ins neue Biotop überleben. „Unser Ziel ist es, die Population beider Arten im neuen Gewässer wieder aufzubauen“, sagt Cloos.

Ob die Umsiedelung Erfolg hat, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Ein gutes Zeichen sind die Kaulquappen im Uferbereich – auch Erdkröten haben sich dort bereits niedergelassen. 

Der Bergmolch

Der Bergmolch lebt bevorzugt in gewässerreichen Wäldern der Mittelgebirgszone. Er wird acht bis zwölf Zentimeter groß und besitzt eine intensiv gelb-orange bis rot gefärbte Bauchseite ohne Flecken. Während der Paarungszeit im Frühjahr besitzen die Männchen eine blaue Rückenfärbung. Die Flanken sind schwarz-weiß punktiert und zum Bauch hin von einem blauen Streifen begrenzt. Die Weibchen sind dunkelgrau-braun-grünlich marmoriert und zeigen eine etwas schwächere Zeichnung an den Flanken.

Nach dem Ende der Laichzeit ab Mai verlassen die Tiere das Gewässer und entwickeln eine schlichtere, unscheinbarere Landtracht. Diese zeichnet sich durch eine oberseits dunkle, fast schwarze, granulierte, stumpfe und wasserabweisende Haut aus. Der Bauch bleibt noch etwas orange, ist aber weniger farbintensiv. Sein Verbreitungsgebiet reicht von Nordfrankreich über weite Teile Mitteleuropas bis nach Nordgriechenland und in die Karpaten.

In Deutschland kommt der Bergmolch vor allem in der Mitte und im Süden vor, wo er noch recht verbreitet ist. Nach Nordwesten hin wird der Bergmolch seltener und im Nordosten fehlt die Art sogar vollständig. Ein Bergmolch-Weibchen kann pro Saison bis zu 250 Eier legen, welche einzeln an Wasserpflanzen oder Falllaub geheftet werden. Nach etwa vier bis fünf Monaten im Wasser erreichen die Larven die Metamorphose.

Der Teichmolch. 

Der Teichmolch

Der Teichmolch ist in Deutschland die häufigste Molchart. Er kann bis zu elf Zentimeter lang werden. Die Grundfärbung des Teichmolchs ist bräunlich und die Bauchseite weist dunkle Flecken auf. In der Wassertracht haben die Männchen einen hohen und stark gewellten Hautkamm. Der Saum der Unterseite des seitlich abgeflachten Schwanzes zeigt eine leicht bläuliche Färbung.

Der Teichmolch ist in Europa weit verbreitet und meidet nur die Iberische Halbinsel, Süd-Frankreich, Süd-Italien und die Regionen nördlich des Polarkreises. Als Laichgewässer nutzen Teichmolche alle Arten stehender Gewässer, sowie langsam fließende Gräben. Bevorzugt besiedelt werden besonnte und wasserpflanzenreiche Gewässer. 

In Mitteleuropa begeben sich Teichmolche sehr frühzeitig im Februar nach Ende des Frostes auf Wanderschaft zu ihren Laichgewässern. Die Hauptlaichzeit erstreckt sich dann von März bis in den Mai, wenn die Wassertemperatur mindestens acht Grad Celsius beträgt. Die Weibchen können pro Saison 100 bis 300 Eier legen, welche einzeln an Wasserpflanzen oder Falllaub geheftet werden. • Die Zerstörung oder Beeinträchtigung von Kleingewässern, die zugeschüttet werden sowie Müll, Dünger und Umweltgifte gefährden die Molche. Sie gelten als „besonders geschützt“ und dürfen nicht gefangen, verletzt oder getötet werden. 

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