Ehemaliges Mitglied berichtet von Missständen 2004

Gefesselt im Gruppenraum: Missbrauchsvorwürfe gegen Vellmarer Jugendfeuerwehr

Was passierte bei der Vellmarer Jugendfeuerwehr im Jahr 2004? Ein junger Mann, der sich damals eigentlich zu einem selbstbewussten Brandschützer ausbilden lassen wollte, berichtet, dass er von Betreuern auf teils bizarre Weise mehrfach gedemütigt worden sei. Foto: Schaffner

Vellmar. Erneut schwere Vorwürfe gegen die Jugendfeuerwehr Vellmar: Nachdem ein Betreuer im Frühjahr ein Mädchen sexuell belästigt haben soll, wendet sich nun ein ehemaliges Mitglied an die Öffentlichkeit.

Er sei im Jahr 2004 körperlich und seelisch gedemütigt worden. „Ich war damals zwölf Jahre alt“, sagt Paul, der in Wahrheit anders heißt und inzwischen in Norddeutschland lebt. Weil er noch Angehörige im Landkreis Kassel hat und sich vor möglichen Repressalien fürchtet, möchte er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen.

„Ich erinnere mich daran, dass man mir und zwei weiteren Kameraden die Füße und Hände auf den Rücken fesselte.“ Sie hätten sich dann auf den Knien rutschend durch einen Gruppenraum bewegen müssen. Ein Betreuer habe seinen Freund mit dem Unterarm am Hals gegen ein Feuerwehrauto gedrückt – „weil er etwas sagte, das dem Betreuer nicht passte“.

Ein anderer, geistig leicht behinderter Kamerad, habe eine sogenannte Feuerwehrtaufe über sich ergehen lassen müssen: Er sei auf eine Trage gebunden und kurzzeitig von einer Brücke in die Ahne herabgelassen worden.

Nasser Handschuh ins Gesicht

Zudem seien Paul nasse Lederhandschuhe ins Gesicht geschlagen worden, sagt er: „Ich wurde gedemütigt, ich habe mich so hilflos gefühlt.“ Rückblickend sei seine Zeit bei der Jugendfeuerwehr, in der er eigentlich zu einem selbstbewussten Brandschützer ausgebildet werden wollte, „ein bisschen so, wie ich mir das Leben in Guantanamo vorstelle“.

Auslöser für seinen Schritt, jetzt erst damit an die Öffentlichkeit zu treten, war einHNA-Artikel im Juli über einen Vellmarer Jugendfeuerwehrbetreuer, dem sexuelle Belästigung vorgeworfen wurde und der daraufhin umgehend vom Dienst suspendiert worden ist.

Dieser Artikel habe bei Paul, der heute Mitte 20 ist, Erinnerungen wachgerufen. „Ich wollte jetzt endlich reinen Tisch machen“, sagt er. So schwer die Vorwürfe auch wiegen – Paul nennt bewusst keine Namen. Ihm gehe es nicht darum, Menschen bei der Vellmarer Feuerwehr zu schaden. Er will seine Peiniger auch nicht vor Gericht zerren.

Vielmehr gehe es ihm darum, Eltern, Jugendliche und Kinder vor eventuellen Missständen zu warnen und aufzuklären sowie Feuerwehren und andere Vereine zu ermuntern, ihre Strukturen kritisch zu beleuchten.

Mit den seelischen Folgen, die Paul nach eigenen Angaben über die Jahre schwer belastet haben, habe er inzwischen dank professioneller Hilfe abschließen können. „Ich habe mich in Therapie begeben“.

Keine Konsequenzen

Hat er denn seinen Eltern damals nichts erzählt? „Doch“, sagt Paul. Sein Vater habe den damaligen Stadtbrandinspektor auch zur Rede gestellt. Paul sollte daraufhin vor einem großen Gremium aussagen, sein Vater sei jedoch dagegen gewesen. „Es gab dann stattdessen ein Vier-Augen-Gespräch zwischen dem Stadtbrandinspektor und mir. Aber der stand hinter den Betreuern. Konsequenzen gab es keine.“

Deshalb habe er der Jugendfeuerwehr dann auch bald den Rücken gekehrt. „Ich habe sie abgrundtief gehasst.“

Das sagt die Feuerwehr

Der damalige Stadtbrandinspektor, Wolfhard Eidenmüller, äußerte sich wie folgt auf HNA-Nachfrage: „Ich erinnere mich an eine Beschwerde aus dieser Zeit. Aber nachdem ich mich mit den Eltern unterhalten hatte, war die Sache erledigt. Und ja, Feuerwehrtaufen gab es früher auch in unserer Feuerwehr, aber die haben wir im Jahr 2001 abgeschafft. Dieses Ritual ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Unsere Betreuer der Jugendabteilung sind und waren stets fachlich geschult und werden ständig fortgebildet.“

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