Nur noch 65 Videotheken in Hessen

Mit Netflix kam das Ende: Vellmarer Videothek gibt auf

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Räumungsverkauf: Rüdiger Wulff schließt am Donnerstag seinen Moviestore an der Triftstraße in Niedervellmar. Die Konkurrenz aus dem Internet ist einfach zu groß geworden. 

Vellmar. Nach 16 Jahren ist Schluss: Rüdiger Wulff schließt Ende des Monats seine Videothek in Vellmar. Mit dem Moviestore verschwindet eine der letzten Familienvideotheken im Landkreis Kassel.

Wäre die Entwicklung der Videotheken in Deutschland ein Kinofilm, könnte er „Stirb langsam“ heißen. Denn so langsam aber sicher verschwinden die ehemals so beliebten Verleihgeschäfte von der Bildfläche. Zu groß ist die Konkurrenz durch Streamingdienstleister wie Netflix und Amazon geworden.

Gift fürs Geschäft

„In den vergangenen Jahren wurde es immer schwieriger, Stammkunden zu halten und neue Kunden zu gewinnen“, sagt Wulff (48) und nennt als Hauptgründe für den Untergang die aufkommenden Spielfilm- und Serienangebote im Internet sowie die Mediatheken der Fernsehsender. Das alles ist natürlich Gift für ein Geschäft, dass bislang auch davon gelebt hat, das Filme eben nicht jederzeit bequem von zuhause aus verfügbar waren.

Während sich früher Wulffs Kunden vor allem fürs Wochenende mit Filmen eindeckten, würden sich viele jetzt lieber auf dem heimischen Sofa durch die Online-Angebote klicken, stellt der Filmfan konsterniert fest.

Er leiht noch einmal aus: Stammkunde Omid Mesbahi aus Vellmar lässt sich von Moviestore-Mitarbeiterin Jutta Dittmar zum Actionfilm „xXx - Die Rückkehr des Xander Cage“ beraten.

Erschwerend sei hinzugekommen, dass auch die Hersteller von Spielkonsolen zunehmend auf das Onlinegeschäft setzten. Wulff prangert an, dass Firmen wie Sony das Ziel verfolgen, ihre Playstationspiele möglichst nur noch per personalisiertem Internetlink zu verkaufen, nicht mehr als herkömmliche Disc, die mehrfach benutzt, also auch verliehen werden kann. „Als dann auch noch Netflix auf den Markt kam, war das der endgültige Todesstoß.“

Angefangen hat alles in den Räumen des ehemaligen Niedervellmarer Getränkemarktes kurz nach der Jahrtausendwende. „Das war die Zeit, in der die DVD die VHS-Kassette verdrängt hat“, erinnert sich Wulff, der mit 800 Filmtiteln startete und heute rund 5000 hat. Damals witterte er das große Geschäft mit den neuen Bildträgern, die wesentlich bessere Bilder lieferten als die alten Kassetten. Anfangs auch mit Erfolg. „In den ersten zehn Jahren habe ich mir eine Stammkundschaft aufgebaut, sodass ich gut leben konnte“, blickt er zurück.

Doch dann kam die Konkurrenz aus dem Internet. Dass Menschen diese Angebote wahrnehmen, dafür hat Wulff durchaus Verständnis. „Was mich aber auf die Palme bringt, ist, dass Amazon und Netflix hierzulande keine Umsatzsteuer zahlen, wenn sie in Deutschland online Filme verleihen – ich aber schon. Wie soll man da als kleine Videothek überleben?“

Räumungsverkauf bis 29. Juni

Für Rüdiger Wulff ist das Ende des Moviestores, das nun von einem großen Räumungsverkauf begleitet wird, aber auch gleichbedeutend mit einem beruflichen Neustart. Der 48-Jährige wird in ein Angestelltenverhältnis wechseln. Zum letzten Mal hinter der Ausleihtheke steht er am Donnerstag, 29. Juni. Dann ist Schluss.

Kontakt: Moviestore, Triftstraße 88, Vellmar, Tel. 05 61 / 5 21 58 50. Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 15 bis 23 Uhr. 

Die klassische Videothek ist ein Auslaufmodell. Nach Angaben des Interessenverbandes des Video- und Medienfachhandels in Deutschland (IVD) gab es Ende 2016 hierzulande nur noch 914 Videotheken, darunter 65 in Hessen und 101 in Niedersachsen. Zum Vergleich: Kurz nach der Wiedervereinigung, als in fast jeder Ortschaft eine Videothek eröffnete, gab es in Deutschland mehr als 9000 Stück. Laut IVD erwirtschaften Videotheken mittlerweile nur noch rund 60 Prozent ihres Umsatzes durch den Verleih von Filmen. Zehn Prozent verdanken sie den sogenannten Zusatzsortimenten, also etwa dem Verkauf von Getränken und Snacks. Der Rest stammt aus dem Blu-Ray-Verkauf sowie dem Verkauf und Verleih von Spielen.

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