Grundstück darf nun bebaut werden

Mit neuer Technik kam das Ende: Die Geschichte der Ziegelei Löber in Niedervellmar

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Vellmar. Die stillgelegte Ziegelei Löber in Vellmar spiegelt ein Stück Industriegeschichte wider, die vor über 100 Jahren begann. Bald sollen auf dem Brachgelände Wohnhäuser entstehen. Ein Blick in die Vergangenheit.

Peter Löber war ein gläubiger Mensch. In seiner Firma hielt er immer zu Wochenanfang eine „kurze, lebensnahe Morgenandacht“ für die Betriebsangehörigen. So steht es in einer Festschrift zum 25-jährigen Bestehen der Ziegelei Löber aus dem Jahr 1962. „Interessant ist, dass genau in das Haus, wo früher die Andacht stattfand, später ein Freudenhaus einzog“, sagt Karl-Heinz Gauler, erster Vorsitzender des Geschichtskreises Vellmar.

Das Gebäude stand am Rand des Werksgeländes. Der Firmenchef hatte es als Wohn- und Bürohaus neben der Ziegelei bauen lassen. Den Swingerclub Feelings gibt es dort noch immer. Doch die alte Ziegelei nebenan verfällt seit Jahrzehnten und ist zu einem Schandfleck am Ortseingang von Vellmar geworden. Jetzt sollen dort Wohnungen entstehen.

Lehmreiches Gebiet: Auf diesem „Plan von Cassel“, angefertigt 1914 und abgebildet in Heinz Schmidts Buch „Ziegeleien in Kassel“ aus dem Jahr 2000, kann man erkennen, wo Anfang des 20. Jahrhundert die Ziegeleien in Kassel standen. Die damalige Ziegelei Thele wurde später die Ziegelei Löber Um das ganze Bild zu sehen, klicken Sie oben rechts.

Damit endet eine über 100-jährige Industrie-Geschichte. Die Gegend war ein sehr lehmreiches Gebiet und beginnend im Kasseler Norden in Höhe der Karolinenstraße bis hinauf zur Warburger Straße in Niedervellmar erstreckten sich elf Ziegeleien.

Das Werk der späteren Ziegelei Löber wurde um 1870 gegründet und wechselte von da an häufig den Besitzer. Erst als Peter Löber 1937 das Werk mit Unterstützung seines Vaters Martin Löber kaufte, trat Beständigkeit ein. Fast 45 Jahre baute die Firma Löber hier Lehm ab und brannte Ziegel. Einzig während des Zweiten Weltkriegs lag das Werk still. Es dauerte sechs Jahre, bis Peter Löber nach Ende des Krieges die Produktion wieder aufnehmen konnte.

Weit und breit kein Haus zu sehen: Auf dem Bild, das der Geschichtskreis Vellmar zur Verfügung gestellt hat, ist die Ziegelei Lude in Niedervellmar zu sehen.

Trotz aller Schwierigkeiten in den Nachkriegsjahren entwickelte sich die Ziegelei stetig weiter. 1957 kaufte Peter Löber das Nachbarwerk und vergrößerte seinen Betrieb damit deutlich. Durch den Kauf des sogenannten Werk II wurde die Firma zu einem der größten Ziegeleiunternehmen in Kassels Umgebung und damit zu einem der wichtigsten Lieferanten für Ziegeleierzeugnisse.

Einen ersten Rückschlag erlebte die Firma im April 1960, als in Werk II ein Großbrand ausbrach. Zwei Jahre später – zur 25-Jahr-Feier – war von dem Brand allerdings schon nichts mehr zu sehen und – so steht es in der Festschrift zum Jubiläum – lagen „beide Werke im internen Wettkampf um die Höhe des Ausstoßes.“ Das Ende der Ziegelei kam 1982. Zweierlei hat wohl zum Niedergang geführt, sagt Karl-Heinz Gauler.

Schrott, wohin das Auge reicht: So sah es im September 1993 auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Löber in Vellmar aus.

Zum einen kam schon Ende der 1960er-Jahre ein neuer Ziegel auf den Markt. Beim sogenannten Poroton-Verfahren werden dem Ton kleine Kugeln aus Kunstharz beigemischt, die während des Brennvorgangs verdampfen und so im Ziegel mit Luft gefüllte Hohlräume hinterlassen. Die Ziegel sind dadurch leichter und dämmen besser. Die Firma Löber stellte jedoch seit 1951 Gitterziegel her.

Um auf die neue Technik umzustellen, hätte Löber neue Filter in seine Öfen einbauen müssen. „Das war ein enormer Kostenfaktor“, sagt Gauler. Rund eine Million D-Mark hätte das System damals gekostet. So viel wollten die Löbers wohl nicht investieren. Auch deshalb nicht, spekuliert Karl-Heinz Gauler, da nicht weit von Vellmar entfernt an der innerdeutschen Grenze viele Ziegeleien auf DDR-Gebiet die neuen Ziegel viel günstiger produzierten. „Die haben sich um Filter nicht geschert“, erklärt Karl-Heinz Gauler.

So beendeten wohl auch die „dreckigen“ Ziegel aus der DDR die über 100-jährige Geschichte des Ziegeleiwerks in Niedervellmar.

Bald stehen hier Wohnungen

Seit über 30 Jahren liegt das Werksgelände der ehemaligen Ziegelei Löber brach. Bis 1981 wurde dort noch produziert. Die drei Hektar große Fläche ist nun schon seit vielen Jahren ein Schandfleck, der Besuchern direkt am Ortseingang von Vellmar an der B 7/B 83 ins Auge sticht. Doch das soll sich bald ändern. 

Der Projektentwickler Jochen Hohmann aus Künzell bei Fulda will 25 bis 30 Millionen Euro in das Gebiet investieren. Insgesamt sind 154 Wohneinheiten geplant. Der Investor will auf dem Gelände alle Wohnformen anbieten: mehrgeschossige Wohnhäuser mit insgesamt 100 Miet-, Eigentums- und Sozialwohnungen. Auch knapp 40 Einfamilienhäuser sind geplant. 

Für die Stadt Vellmar ist das ein Glücksfall, wie Bürgermeister Manfred Ludewig (SPD) sagt. Denn lange wurde nach einer Lösung für das Gelände gesucht. Jetzt steht einer Entwicklung nichts mehr im Weg. Zuletzt hatte der Zentralausschuss der Regionalversammlung Nordhessen des Regierungspräsidiums Kassel grünes Licht gegeben. Die Fläche kann nun von einer gewerblichen in eine Wohnbaufläche umgewidmet werden. Dieser Schritt war notwendig, um dort überhaupt Wohnungen bauen zu können.

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