Nur noch drei Verhandlungstage geplant

Prozess gegen Ex-Chef des Sicherheitsdienstes 24 aus Vellmar: Tim L. packt jetzt doch aus

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Hat sein Schweigen gebrochen: Die Zeichnung von Tim L. entstand an einem früheren Verhandlungstag im Dezember 2017. Mittlerweile trägt er einen gestutzten Vollbart.

Kassel/Vellmar. Der frühere Chef des Vellmarer Sicherheitsdienstes SD 24, Tim L., hat sein Schweigen gebrochen. Er steht vor der Wirtschaftsstrafkammer des Kasseler Landgerichts. 

„Dafür übernehme ich die Verantwortung.“ Nach etwa 20 Verhandlungstagen seit Mitte November vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts hat der frühere Chef des Vellmarer Sicherheitsdienstes SD 24, Tim L., sein anfangs eisernes Schweigen längst gebrochen.

Auf Befragen von Richter Robert Winter und Staatsanwalt Dr. Poppe räumte der 36-Jährige am Mittwoch Fehler ein: Ja, er habe Mini-Jobbern deutlich mehr bezahlt, als rechtlich zulässig gewesen wäre. Ja, er habe Rechnungen storniert, obwohl sie bereits im Jahresabschluss den Finanzbehörden gemeldet worden waren. Ja, er habe Unterlagen und Stundenzettel über schwarze Lohnzahlungen vernichtet und seine Buchhalterinnen regelmäßig angewiesen, „die Computer sauber zu halten“, sprich: möglicherweise belastende Dateien zu löschen und Lohnzettel zu schreddern.

Verwaltung und Buchhaltung vernachlässigt

„Ich bin ein Mann der Tat und habe die Verwaltung und die Buchhaltung vernachlässigt“, sagte der Mann mit den dicken Muskeln, der sich in der Untersuchungshaft, in der er seit 6. Dezember 2016 sitzt, einen akkurat gestutzten Hipster-Vollbart hat wachsen lassen. Die Anklage wirft Tim L. und vier mitangeklagten ehemaligen Mitarbeitern vor, durch Schwarzarbeit, Scheinrechnungen von Subunternehmen und andere Steuertricks rund 4,5 Millionen Euro an Steuern und Sozialabgaben hinterzogen zu haben. 

SD 24 hatte Sicherungsaufgaben für Großveranstaltungen, Diskotheken, Supermärkte und Flüchtlingseinrichtungen übernommen. Dabei, so Tim L. am Mittwoch, habe es oft ein „Riesenchaos“ gegeben. Besonders dann, wenn im Sommer bei Großveranstaltungen monatlich zwischen 900 und 1000 Mitarbeiter beschäftigt worden seien.

Die letzten Zeugen werden gehört

Beispielsweise habe er für Security-Mitarbeiter in den Flüchtlingsheimen eine Freigabe für Mitarbeiter vom Kasseler Ordnungsamt bekommen und die dann auch sozialversicherungspflichtig angemeldet. Wenig später habe dann der Bundesverfassungsschutz die Beschäftigung einzelner Mitarbeiter aus ungenannten Gründen verboten. Die seien dann auf seine Weisung hin als Mini-Jobber erst einmal weiter beschäftigt worden und hätten dann auch deutlich mehr als die erlaubten 400 oder 450 Euro im Monat erhalten.

Am Mittwoch wurden die letzten geladenen Zeugen gehört. Darunter ein enger Freund und Mitarbeiter, der mit L. mehrmals auf Mallorca gewesen seien will. Dabei aber sei es nur um Urlaub und Spaß, nicht aber um den Ankauf einer Finca für L. und seine Frau für mehrere 100.000 Euro gegangen, wie es Whatsapp-Chats zwischen L. und dem Zeugen vermuten lassen. Damit, so der Zeuge, habe er nichts zu tun und wisse auch nichts darüber.

Termindruck: Nur noch drei Verhandlungstage geplant

Derzeit sind für den Prozess vor der 3. Strafkammer des Landgerichts nur noch drei Verhandlungstage geplant, der letzte am 28. Mai. Doch die dürften nicht reichen. Spätestens für diesen Tag kündigte Richter Winter das Gutachten eines Steuersachverständigen an.

Weitere Verhandlungstage im Juni zu finden, an denen die sieben Verteidiger und die Kammer alle Zeit hätten, gestaltete sich am Mittwoch als fast unmöglich. Die näher rückenden Sommerferien verschärfen diesen Druck noch.

Grund für die wachsenden Probleme: Die Strafprozessordnung schreibt vor, dass ein Verfahren für maximal 21 Tage pausieren darf. Ist diese Frist verstrichen, ist der Prozess geplatzt und alles müsste von vorn beginnen. Das will die Wirtschaftsstrafkammer auf jeden Fall verhindern.

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