Der Krieg machte aus Karl Persch (94) einen Friedensaktivisten

Beginn des Zweiten Weltkriegs: Stellungsbefehl kam auf den Bau

Mobilmachung in Kassel. Die Hessischen Nachrichten berichteten am 1. Februar 1958 darüber, wie Kasseler im September 1939 mit ihren Koffern durch die Straßen zogen, um in die Kasernen einzurücken. Repro:  HNA

Kassel / Vellmar. Vor 75 Jahren, am 1. September 1939, begann der Zweite Weltkrieg mit Hitlers Überfall auf Polen. Ein Mann aus Vellmar hat uns erzählt, wie er diesen Tag erlebt hat:

An den 1. September 1939, einen sonnigen Freitag, erinnert sich Karl Persch genau. Die Mobilmachung war im vollen Gange, Hitler war in Polen einmarschiert, es war der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Persch, der heute 94 Jahre alt ist und in Vellmar lebt, war ein junger Maurergeselle. Mit Kollegen der Firma Burghard und Lingelbachwar er auf einer Baustelle in Kirchditmold am Arbeiten. Jungs der Hitlerjugend, so erzählt Persch, kamen auf den Bau, verbreiteten die Lüge vom angeblichen Verteidigungsschlag der Wehrmacht und verteilten Stellungsbefehle an die Maurer.

Der Polier, ein aufbrausender Mann, habe daraufhin seine Wasserwaage zerschlagen. Die anderen hätten dazu geschwiegen. „Keiner hat was gesagt, alle haben weitergearbeitet, es war bedrückend.“ Die nationalsozialistische Propaganda habe der Bevölkerung eingetrichtert, dass deutsche Soldaten ihr Vaterland mit Waffen verteidigen müssen.

Karl Persch als 18-jähriger junger Maurer in Kassel.

In seinem Elternhaus in Fürstenwald habe seine „kluge Mutter“ geschimpft: „Ich wusste es: Wer Hitler wählt, wählt den Krieg.“ Sein Vater, ein Sozialdemokrat, der ebenfalls Maurer war, habe stets gesagt: Hitler wirtschaftet sich ganz von selber runter. Doch das habe dann ja noch Jahre gedauert. Nur wenige Tage nach dem 1. September 1939 war bereits der erste Fürstenwalder als Soldat gefallen, erinnert sich Karl, der damals keine 19 war. Er war das jüngste Kind von sieben Geschwistern.

Karl Persch erinnert sich an den 1. September 1939. Foto: Hein

Am 10. Mai 1940 wurde auch er eingezogen und zum Funker ausgebildet. Nach Kriegseinsätzen in Frankreich und Belgien kam er im Juni 1941 nach Russland. In vier Wochen ist der Krieg vorbei, sei den Soldaten dort gesagt worden. Sie wurden eines Besseren belehrt. Für den Nordhessen war es erst 1948 vorbei, als er nach fünfeinhalb Jahren in russischer Gefangenschaft nach Fürstenwald, heute ein Stadtteil von Calden, zurückkehrte. Er war gezeichnet von schweren Krankheiten und angewidert vom Kriegstreiben.

„Ich habe mich fortan mein ganzes Leben als Friedensaktivist politisch engagiert.“ Heute lebt Karl Persch, der verwitwet und Vater von zwei Kindern ist, in seinem selbst gebauten Haus in Vellmar.

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