Systematischer Betrug - Betroffener berichtet

Sicherheitsdienst 24: Gab es mehr Schwarzarbeit als gedacht?

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Türen geschlossen: Der Firmensitz des Sicherheitsdienstes 24 GmbH aus Vellmar hat seinen Betrieb eingestellt.

Murat Ö.* ist wütend und enttäuscht und fühlt sich betrogen. Er arbeitete mehrere Monate für den Vellmarer Sicherheitsdienst 24 GmbH (SD 24).

Nun erhebt er schwere Vorwürfe gegen das mittlerweile insolvente Unternehmen.

Er wurde nach eigenen Angaben unter anderem in einem Münchener Flüchtlingsheim eingesetzt. Kurz nach einer Razzia in einem Mehrfamilienhaus in Unterföhring endete für ihn und viele weitere Sicherheitsmitarbeiter das Beschäftigungsverhältnis. „SD24 schuldet mir immer noch mehrere tausend Euro Lohn“, sagt Ö.

Nach unserer Berichterstattung über das insolvente Unternehmen, der Holdingchef ist ein 35-Jähriger aus Bad Emstal, hatte sich der ehemalige Sicherheitsdienstmitarbeiter bei Insolvenzverwalter Henning Jung von der Kasseler Kanzlei Westhelle und Partner gemeldet. Doch seine Chancen auf Insolvenzgeld stehen schlecht. Sein Name ist Rechtsanwalt Jung nämlich nicht bekannt. Demnach werden seine offenen Forderungen auch nicht über die Insolvenzmasse bedient werden.

Laut Jung rufen fast täglich Menschen in der Kanzlei Westhelle und Partner an, die noch Geld von SD 24 erwarten oder angeben, dort gearbeitet zu haben. „Jeder, der meint Ansprüche geltend machen zu können, sollte alle Unterlagen zur Dokumentation einreichen“, sagt Jung. Der Insolvenzverwalter werde jeden Einzelfall prüfen. Bislang hatte Jung nur Unterlagen von knapp 300 Mitarbeitern erhalten. „Das steht im Widerspruch zu den früheren Angaben des Unternehmens.“ 

SD 24 hatte in der Vergangenheit damit geworben, rund 1200 Mitarbeiter bundesweit zu beschäftigen. Wie viele Personen dort tatsächlich gearbeitet haben und ob es sich um Vollzeit- oder geringfügig Beschäftigte handelt, sei nur schwer zu ermitteln.

Die Schilderungen des ehemaligen Sicherheitsdienstmitarbeiters Ö. lassen indes vermuten, dass er nie offiziell beschäftigt wurde, also schwarz gearbeitet hat. „Ich wurde als 450-Euro-Kraft angestellt“, erzählt der Mann. Einen Arbeitsvertrag habe er aber nie erhalten: „Ich habe immer wieder gebettelt, endlich einen schriftlichen Vertrag zu bekommen.“ Sein Lohn sei ihm stets in bar ausgezahlt worden. „Ich bin bis nach Vellmar gefahren und habe das Geld abgeholt.“ 

Im „Haus der Sicherheit“ an der Bundesstraße 7 habe er lediglich Quittungen unterschrieben, einen Durchschlag habe aber er nie erhalten. Den einzigen Beleg, den Murat Ö. für seine Tätigkeiten in dem Münchener Flüchtlingsheim besitzt, sind die Wachbucheinträge. Demnach hat er im Monat bis zu 300 Stunden im Zweischichtsystem dort gearbeitet. „Ich habe zehn Euro die Stunde bekommen“, sagt er. Krankenversichert sei er nicht gewesen. Auch bei Festivals wie Rock am Ring und Rock im Park habe ihn der Sicherheitsdienst 24 eingesetzt. *Name wurde von der Redaktion geändert.

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