Auch Vorwurf der Urkundenfälschung und Untreue

Steuerhinterziehung bei Sicherheitsdienst 24: Ex-Chef vor Gericht

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Schöne Autos und Aufenthalt im Süden: Der Ex-Chef des Vellmarer Sicherheitsunternehmens SD 24 genoss in der Vergangenheit offenbar das Leben. Zum Prozessauftakt vorm Landgericht Kassel schwieg der Hauptangeklagte. 

Vellmar/Kassel. Steuerhinterziehung, Urkundenfälschung und Untreue: Auf der Anklagebank sitzen der Ex-Chef des Vellmarer Sicherheitsdienstes 24 und vier seiner früheren Mitarbeiter.

Aktualisiert um 14.56 Uhr - Das war Schwerstarbeit für Staatsanwalt Poppe: Knapp zwei Stunden benötigte er am Mittwoch vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgrichts, um die Anklage zu verlesen. Denn es hatte sich einiges an Vorwürfen angestaut.

Steuern und Sozialabgaben hinterzogen

Unterm Strich soll der 36-jährige Angeklagte zwischen 2014 und 2016 um die fünf Millionen Euro Steuern und Sozialabgaben hinterzogen haben. Seit Dezember 2016 sitzt er deshalb in Untersuchungshaft.

Das Verfahren gegen seine Ehefrau wurde von der 3. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Winter jetzt abgetrennt. Die Frau ist im 7. Monat schwanger und deswegen nicht verhandlungsfähig.

Der eher kleine Mann auf der Anklagebank verfolgt den Zahlenmarathon der Anklage in stoischer Ruhe, manchmal macht er sich Notizen. Die kurzen Haare pappen auf dem Kopf über dem hohen Undercut. Das blaue Hemd spannt über den Body-Builder-Muskeln, die in eine massive Speckschicht gebettet sind.

Der Zuschauerraum im großen Schwurgerichtssaal ist gut gefüllt. Alle harren trotz der trockenen Materie, die von der Anklage ausgebreitet wird, geduldig aus. Der Fall aus dem Kreis Kassel hatte zuvor offenbar auch in der Öffentlichkeit hohe Wellen geschlagen.

Ex-Chef von SD 24 ohne Führerschein in Vellmar gefahren

Die Vorwürfe lauten auf Steuerhinterziehung, Vorenthalten von Arbeitsentgelt, Urkundenfälschung, Untreue, Fahren ohne Fahrerlaubnis. Der 36-Jährige soll die meisten der Mitarbeiter in seinem Wachunternehmen nur schwarz beschäftigt, entsprechend keine Sozialabgaben abgeführt haben. Allein der Barmer Krankenkasse sollen dadurch 3,3 Millionen Euro vorenthalten worden sein. Zudem waren die schwarz bezahlten Mitarbeiter natürlich nicht krankenversichert.

Außerdem soll der Mann Scheinrechnungen auf Blanko-Formularen mit den Briefköpfen von Subunternehmen ausgefüllt haben, die darauf berechnete Leistungen waren frei erfunden. Damit produzierte er wohl Kosten und konnte Vorsteuererstattungen beantragen.

Der Angeklagte soll das Stammkapital seiner Münchner Firma von 25.000 Euro veruntreut haben, in elf Fällen die Zulassungsunterlagen für Mitarbeiter gefälscht, 2016 dreimal mit Mercedes und Audi Q7 durch Vellmar gefahren sein, obwohl ihm der Führerschein schon im April 2015 abgenommen worden war.

Standort in Vellmar: Viele Mitarbeiter von SD 24 sollen schwarz beschäftigt worden sein.  3,3 Millionen Euro sollen allein schon der Barmer Krankenkasse vorenthalten worden sein. Zudem soll der Ex-Chef mit Vorsteuererstattungen getrickst haben.

Die gleichen Steuertricks soll er bereits bei seinem ersten Wachunternehmen ab 2009 angewendet haben. Das hatte 2014 Insolvenz angemeldet.

Hauptangeklagter schwieg zu SD 24

Zum Prozessauftakt schwiegen der Hauptangeklagte und drei der ehemaligen Mitarbeiter. Alle kündigten aber an, sich möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt einlassen zu wollen.

Dagegen sagte eine 26-jährige Angeklagte aus dem Landkreis Kassel aus, die bei SD 24 Praktikum und Ausbildung zur Bürokauffrau absolviert hatte. Der Chef habe ihr aufgetragen, die Scheinrechnungen der Subunternehmen zu schreiben. Als sie stutzig wurde, ob es damit auch seine Richtigkeit habe, habe er sie angeschrien. Aus Angst vor dem Jobverlust habe sie sich den Anweisungen gefügt. „Da habe ich halt gemacht, was er gesagt hat“, sagte die junge Frau unter Tränen.

Erst im Mai 2016 war der Sitz der Firma SD 24 in Vellmar eröffnet worden. Nach einer Razzia und der Eröffnung des Insolvenzverfahrens machte der Betrieb schließlich Anfang 2017 dicht.

  • Zwölf Verhandlungstage mit einer noch nicht bestimmbaren Zahl von Zeugen sind bis Ende Februar 2018 angesetzt. Weiter geht es am Dienstag, 28. November, um 9 Uhr in Saal D 130.

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