"Ich fange an zu schwitzen und kriege kalte Hände"

Ihr sollte man einfach zuhören: So ist es, wenn man ein Leben lang stottern muss

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Wünscht sich mehr Zeit in Gesprächen: Saskia Dräbing – die stottert und ansonsten ist, wie jeder andere auch. 

Saskia Dräbing stottert seit der Grundschule. Auch heute bedeutet das Handicap für die 35-Jährige aus Vellmar vor allem Angst. Hier erzählt sie, wie sie ihre Furcht überwindet.

Saskia Dräbing stottert. Wie stark, das hängt von der Situation, von ihrer Umgebung ab. Zu Hause, bei ihrer Familie sei das alles kein so großes Problem, sagt sie, doch draußen, unter Fremden stehe sie schnell unter Spannung.

„Dann fange ich an zu schwitzen und kriege kalte Hände“. Dann stockt ihr beim Sprechen der Atem, zieht sich ihr Bauch ein, will ihre Zunge plötzlich nicht mehr.

„In der Grundschule fing das bei mir an“, erinnert sich die 35-Jährige zurück. Sie berichtet von den anderen Kindern, die nicht mit ihr spielen wollten, davon, dass sie damals viel Zeit alleine verbracht hat. Und das alles aufgrund einer Sprechstörung, eines Handicaps, wie Dräbing sagt.

Heute wohnt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Vellmar, beruflich pflegt die gelernte Gärtnerin für Zierpflanzen in Bad Hersfeld die Außenanlagen des Klinikums. Wenn man Saskia Dräbing zuhört – und nichts anderes als das wünscht sie sich – dann kann man erahnen, was Stottern für sie bedeutet.

Stottern bedeutet für Saskia Dräbing auch Hemmungen und Angst. Hemmungen beim Kontakt mit anderen Menschen, Angst davor, abgewiesen zu werden. „Ich möchte zwar Kontakte knüpfen, weiß aber nicht, wie der oder die andere reagiert“, sagt sie. Die einen gingen auf Abstand, die anderen fielen ihr ins Wort, ungeduldig, um Dräbings Sätze zu beenden. Überrumpelt fühle man sich dann, manchmal auch nicht ganz ernst genommen. „Lass dir Zeit, ich hör dir zu“ – ein Satz, den sie viel zu selten zu hören bekomme.

So sei es für sie schwierig, Freundschaften zu schließen, sagt Dräbing, und erzählt dann von einer Freundin, von herzlichen Umarmungen, die aber plötzlich ausblieben – „von heute auf morgen“. Es sind Erfahrungen, Enttäuschungen wie diese, die sie im Umgang mit anderen Menschen vorsichtiger, sensibler machen.

Derzeit besucht Saskia Dräbing eine Logopädin in Kassel. Dort und daheim versucht sie es mit dem Pseudostottern. Dabei stottert man bewusst, lässt sich die sprachlichen Blockaden nicht diktieren, sondern wiederholt Silben absichtlich, locker, unverkrampft.

In einer Selbsthilfegruppe spricht sie zudem mit anderen Betroffenen darüber, wie es ihnen zuletzt sprachlich ergangen ist, ob es mehr oder weniger geworden ist mit dem Stottern. Auch macht die Gruppe Sprechübungen, zum Beispiel in Geschäften, um dort mit den Verkäufern ins Gespräch zu kommen.

Saskia Dräbing erzählt konzentriert von sich und ihrem Handicap, man spürt, wie ernst ihr das Thema ist. Wie sollte es auch anders sein. Hin und wieder, wenn sie einen Satz, einen Gedanken ausformuliert hat, dann fällt die Spannung von ihr ab, dann lacht sie, völlig frei. Man muss ihr nur die Zeit dazu lassen.

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