Verwalter versucht weiter, Insolvenzmasse zu ermitteln

Urteil gegen Ex-Chef des Sicherheitsdienstes 24: Schulden weiter unklar

Vellmar. Das Urteil gegen den ehemaligen Chef des Sicherheitsdienstes 24 ist gesprochen. Das Insolvenzverfahren wird Juristen und Zivilgerichte aber noch einige Zeit beschäftigen.

Der als Insolvenzverwalter bestellte Rechtsanwalt Henning Jung von der Kasseler Kanzlei Westhelle und Partner ist auch 20 Monate nach Eröffnung des Verfahrens immer noch mit der Ermittlung der tatsächlichen Schulden des Vellmarer Unternehmens beschäftigt.

„Wir arbeiten praktisch ohne Unterlagen“, erklärt Jung. Mit dem Urteil gegen Tim L. und vier seiner damaligen Mitarbeiter – drei Frauen und ein Mann – sei nun eine „wesentliche Wegmarke“ erreicht. Sollten die Verurteilten keine Rechtsmittel einlegen, könnten die von der Staatsanwaltschaft Kassel bei der Razzia im November 2016 beschlagnahmten Unterlagen nun von Jung und seinem Team eingesehen werden.

Henning Jung

Weitere Anhaltspunkte verspricht sich der Jurist aus dem Urteil: „Ich habe den Volltext noch nicht vorliegen.“ Wenn die strafrechtliche Aufarbeitung abgeschlossen sei, könne Jung prüfen, ob es zivilrechtliche Schadenersatzansprüche gibt, und welche Personen belangt werden können. Die Ex-Frau von Tim L. war nach Angaben von Jung in den vergangen 20 Monaten nicht besonders auskunftsfreudig. Das habe die Ermittlungen erschwert. Die ehemalige Zisselprinzessin habe angegeben, dass ihr Mann für alles verantwortlich gewesen sei und sie keinen Einblick in die Geschäfte hatte.

Neben ihr, Tim L. und den vier Mitarbeitern könnte es laut Jung weitere Schadensersatzpflichtige geben. Doch bei wem jetzt welche Forderungen geltend gemacht werden könnten, sei auch gut eineinhalb Jahre nach Eröffnung des Insolvenzverfahrens noch nicht abschließend geklärt. Wie lange die zivilrechtliche Verfolgung der Schadensersatzpflichtigen dauert, hängt laut Insolvenzverwalter auch von deren Kompromissbereitschaft ab. Sollte eine außergerichtliche Einigung nicht möglich sein, müsste der Insolvenzverwalter prozessieren. Dadurch würde sich das Verfahren deutlich in die Länge ziehen.

Standort des Sicherheitsdiensts 24 in Vellmar.

Das Landgericht Kassel hatte in seinem Urteil die Schulden auf 3,5 Millionen Euro geschätzt. Dabei handelt es sich aber nur um eine Schätzung der hinterzogenen Sozialversicherungsabgaben und Steuern. Auch die Wirtschaftsstrafkammer hatte Probleme, die Summen zu beziffern – aufgrund fehlender Buchhaltung konnte das Gericht kaum Unterlagen prüfen. Bei Jung haben sich bislang rund 100 Gläubiger gemeldet, aber das Verfahren ist noch nicht abgeschlossen. Laut Jung könne es möglich sein, dass sich weitere Geschädigte an die Kanzlei wenden.

Tim L. befindet sich seit Kurzem wieder auf freiem Fuß. Er hat gegen das Urteil vor der Wirtschaftskammer Revision eingelegt, konnte eine Kaution von 150.000 Euro hinterlegen und durfte die Justizvollzugsanstalt verlassen. Das Landgericht hatte ihn zu vier Jahren und acht Monaten verurteilt. L. befand sich seit November 2016 in Untersuchungshaft.

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Rubriklistenbild: © Monika Skolimowska/dpa

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