Hoher Bestand bereitet Bauern und Jägern Sorgern

Vellmarer wundert sich über Landwirt: "Dachsbau einfach zugepflügt"

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Dachse zählen zu den Mardern und sind sehr scheue und in der Regel nachtaktive Waldbewohner: In den vergangenen 15 Jahren sind die Tiere in unserer Region wieder häufig geworden und können in der Landwirtschaft mitunter beträchtliche Schäden anrichten. Unser Bild zeigt einen Dachs in einem Wildtiergehege.

Ahnatal/Vellmar. Ein bisschen hat sich Paul Würthner aus Vellmar in die Dachse verliebt. Seit einigen Jahren schon beobachtet er einen Dachsbau zwischen Ahnatal-Weimar und Schloss Wilhelmsthal.

Der Dachsbau liegt im Wald, zwei der Eingänge befinden sich jedoch auf einem Acker knapp zwei Meter von Waldrand entfernt. Würthner schüttelt jedes Mal den Kopf, wenn der Landwirt nach der Ernte diese zwei Zugänge zupflügt. Seit Jahren ginge das schon so, inzwischen hat sich der Dachs wieder freigegraben.

„Jetzt hat aber noch ein Jäger einen Hochsitz rund 15 Meter entfernt auf den Acker gestellt, um den Dachs zu bejagen“, vermutet Würthner. Er verstehe nicht, warum man einem Dachs so nachstellen müsse. Immerhin sei der Waldrand quasi sein Wohnzimmer, wo er hingehöre. Den Schaden, den er anrichte, hielte sich ja auch in Grenzen.

Große Schäden

„Das Gegenteil ist der Fall“, sagt dazu Werner Wiedmann, zuständiger Jagdpächter für das Revier Weimar 1. Dachse seien inzwischen wieder häufig geworden und richteten zusammen mit Wildschweinen in Mais- und Weizenfeldern großen Schaden an. Deshalb auch der Hochsitz, der allerdings nur der Bejagung von Wildschweinen diene.

Auf einem Acker nahe Wilhelmsthal: Paul Würthner am Dachsbau am Wald zwischen Ahnatal-Weimar und dem Schloss, der kürzlich erst zugepflügt wurde.

Auch Wiedmann kennt die Dachse zwischen Weimar und Wilhelmsthal seit Jahren. Er kann sogar aus deren Nähkästchen berichten. „Bei dem besagten Bau unter dem Acker handelt es sich um eine Kinderstube, in der die Dachse in diesem Sommer vier Jungtiere aufgezogen haben“, sagt Wiedmann. Der Bau habe noch weitere Zugänge im Wald. Inzwischen seien sie ausgezogen und lebten draußen, um sich in den Feldern satt zu fressen. Dass der Landwirt den Bau zugepflügt habe, mache den Tieren also nichts. Erst im Herbst bezögen die Dachse ihren Hauptbau mitten im Wald. „Der Bau ist riesig“, sagt Wiedmann. „Er zählt 14 Röhren, rund 20 Tiere leben darin“.

Wiedmann wirbt um Verständnis. Nachdem die Dachsbestände vor etwa 15 Jahren durch die Begasung von Fuchsbauten zur Bekämpfung von Räude und Tollwut stark zurückgegangen waren, hat sich der Besatz nun wieder erholt, „und zwar so stark, dass der Dachs wieder bejagt werden darf“, sagt Wiedmann. „Und das müssen wir auch tun, weil der Dachs keine natürlichen Feinde wie den Uhu mehr hat“. Also müsse der Mensch den Bestand nun regulieren.

Grundsätzlich aber sei der Dachs ein willkommener Waldbewohner. Im Ökosystem spiele er eine wichtige Rolle, weil er auch ein Schädlichsvertilger sei. „Er frisst ja nicht nur Mais, sondern eben auch Insekten und Mäuse. Zu viele Dachse sollten es aber auch nicht werden“.

So habe er denn auch Verständnis für die Bauern. „Die Schäden, die Dachse anrichten, sind tatsächlich nicht unerheblich“, sagt Wiedmann. Es ginge ja nicht nur um den Ernteausfall, der dem Landwirt nicht ersetzt werde. „Dachse könnten ganze Felder unterhöhlen. Es gebe Fälle, in denen der Landwirt mit seiner Erntemaschine schon mehrfach in sein Acker eingebrochen sei – jedes mal mit kostspieligen Schäden an der Maschine. 

Der Dachs im Steckbrief 

  • Nachdem der Dachs in den 1970er Jahren noch kurz vor der Ausrottung stand, leben Schätzungen zufolge mittlerweile wieder mehr als 50 000 Dachse in Hessen.
  • Dachse können bis zu 15 Jahre alt werden. Sie wiegen rund 15 Kilogramm und werden bis zu 90 Zentimeter lang.
  • Der Dachs hört und sieht relativ schlecht. Dafür hat er eine ganz feine Nase.
  • Der Marder mit dem schwarz-weißen Kopf, der rüsselartigen Schnauze und den kräftigen Grabpfoten ist nachtaktiv.
  • Dachse legen ausgeklügelte Tunnelsysteme an. Aus England ist ein insgesamt 879 Meter langer Bau mit 50 Kammern und 178 Eingängen überliefert.
  • Fühlt er sich bedroht, brummt er. Sein Paarungsruf ähnelt einem menschlichen Schrei.
  • Dachse sind nicht nur gesellig und leben in Clans, sie sind auch treu. Dachs-Ehen halten oft ein Leben lang.
  • Die Hauptpaarungszeit liegt im Sommer, die Jungen kommen meist im März zur Welt.
  • Auf seinem Speiseplan stehen Regenwürmer, Insekten, Wühlmäuse, Getreide, Mais, Feldfrüchte, Obst und Beeren.
  • Natürliche Feinde hat der Dachs hierzulande kaum noch. Die größte Gefahr geht vom Straßenverkehr aus.
  • Laut Bundesjagdrecht dürfen die Raubtiere vom 1. August bis 31. Oktober gejagt werden. (ses)

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