Angehörige berichten von Wahnvorstellungen

Verfahren nach Bluttat in Vellmar: Ex-Mann bittet um Vergebung

Sie fühlt sich immer noch von ihren Nachbarn verfolgt: Die 50-jährige Beschuldigte, die sich in einem Sicherungsverfahren vor dem Landgericht Kassel verantworten muss. Zeichnung: Reinckens 

Kassel/Vellmar. Im Sicherungsverfahren gegen eine 50-Jährige aus Vellmar, die ihre Nachbarin getötet haben soll, hat der Ex-Mann der Frau die Angehörigen um Vergebung gebeten.

„Im Namen meiner Kinder, ihrer Mutter und ihres Bruders bitte ich die Hinterbliebenen um Vergebung. Ich bitte um Vergebung.“ Diese Worte richtete der Ex-Mann der 50-jährigen Frau, die sich in einem Sicherungsverfahren wegen des Verdachts des Totschlags vor dem Kasseler Landgericht verantworten muss, am Dienstag an die Angehörigen des Opfers. Jener 54-jährigen Frau, die am 28. Januar dieses Jahres auf der Frankfurter Straße in Vellmar brutal getötet worden ist.

Die um Vergebung bittenden Worte waren kaum ausgesprochen, da intervenierte die Beschuldigte auf der Anklagebank und rastete aus. Sie beschimpfte ihren Ex-Mann, wollte ihn dazu nötigen, die Entschuldigung zurückzuziehen. Die 50-Jährige fühlte sich nämlich von ihrer Nachbarin, deren Tötung sie bereits gestanden hat, verfolgt. Ebenso von deren Lebensgefährten und dessen Sohn sowie von weiteren Nachbarn in Vellmar.

Diese Reaktion auf die Entschuldigung ihres Ex-Mannes habe gezeigt, wie „aktuell der Wahn der Beschuldigten“ sei und dass er sich weiterhin ausbreite, führte der forensische Psychiater Dr. Rüdiger Müller-Isberner später in seinem Gutachten vor Gericht aus. Er geht davon aus, dass die paranoide Schizophrenie bei der Beschuldigten im Alter zwischen 24 und 27 Jahren „schleichend begonnen“ habe. Die Erkrankung habe unter anderem dazu geführt, dass sie ihr Studium nicht abgeschlossen habe, dass ihre Ehe gescheitert ist und dass sie ab Ende der 90er-Jahre nicht mehr in der Lage gewesen sei, ihre beiden ältesten Söhne zu betreuen, so der Gutachter.

Der 52-jährige Ex-Mann, der die Beschuldigte beim Studium in Göttingen kennengelernt hatte, berichtete, dass sie bereits damals Probleme gehabt habe. „Sie musste alles bestimmen, hatte immer recht, sie war eine Diktatorin“, beschrieb er seine Ex-Frau. Trotz der Schwierigkeiten blieb er nach der Trennung mit ihr in Kontakt. In anderen Momenten sei sie ein überaus netter Mensch gewesen.

Er habe auch gewusst, dass sie unter Wahnvorstellungen leidet, weil sie ihm erzählt habe, dass sie von anderen Menschen „gefressen“ werde. Irgendwo in ihrem Kopf sei „wohl eine Schraube locker geworden“, sagte der 52-Jährige. Eine Therapie habe seine Ex-Frau aber immer abgelehnt. Einige Monate vor der Tat habe er seine ehemalige Schwiegermutter angerufen und ihr gesagt, dass ihre Tochter nicht mehr normal sei.

Die 72-jährige Mutter der Beschuldigten berichtete im Zeugenstand, dass ihre Tochter sie vor der Tat öfters angeschrien habe. „Warum, weiß ich nicht. Sie hat nicht so oft darüber geredet.“ Sie könne sich die Tat nur damit erklären, dass ihrer Tochter im Dezember vergangenen Jahres der jüngste (dritte) Sohn, der im Grundschulalter ist, weggenommen worden sei. „Meine Tochter war immer ein guter Mensch. Ich weiß nicht, warum sie das gemacht hat“, sagte die 72-Jährige unter Tränen.

Am Donnerstag wird das Verfahren mit den Plädoyers fortgesetzt.

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Hintergrund: Besondere Verfahrensart

Das Sicherungsverfahren ist eine besondere Verfahrensart innerhalb des Strafrechts. Sie dient der selbstständigen Anordnung von Maßregeln der Besserung und Sicherung und wird anstelle einer Anklageerhebung vorgenommen. Voraussetzung hierfür ist, dass ein normales Strafverfahren wegen Schuldunfähigkeit (§ 20 Strafgesetzbuch) oder dauernder Verhandlungsunfähigkeit des ansonsten aber gefährlichen Täters nicht stattfinden kann, aber anstatt einer Verurteilung zu Freiheitsstrafe seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt in Betracht kommt. (use)

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