Ein längst vergessenes Schicksal

Vor 93 Jahren in sein Amt eingeführt: Pfarrer wählte elf Jahre später den Freitod

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Erinnerungsfoto: Im Gedenken an den ehemaligen Obervellmarer Pfarrer Rudolph Philipp Brehm, der vor genau 93 Jahren sein Amt antrat, zeigt der heutige Gemeindepfarrer Alfred Hocke ein Foto des Seelsorgers, der 1935 Suizid beging.

Vellmar. Heute vor 93 Jahren trat der Pfarrer Rudolph Philipp Brehm in Obervellmar sein Amt an, elf Jahre später wählte er den Freitod. Die genauen Umstände dafür liegen bis heute im Dunkeln und der Fall konnte niemals abschließend geklärt werden.

Nach einem Probegottesdienst im Herbst 1924 entschied sich der damalige Kirchenvorstand der Gemeinde Obervellmar für Brehm, der die Nachfolge des verstorbenen Pfarrers Arnim Theudebert Krapf antreten sollte, so steht es in einer Vielzahl von Dokumenten, die im Landeskirchlichen Archiv in Kassel aufbewahrt werden. Am 28. Dezember 1924 wurde er offiziell in sein neues Amt eingeführt. 1935 wählte der als lebensfroh beschriebene Pfarrer den Freitod. Er war beliebt und das Pfarrhaus war stets eine offene Stätte für jedermann. Zu den üblichen Krankenbesuchen brachte Brehm gelegentlich selbst gemachte Erdbeermarmelade mit und einem guten Glas Wein konnte er nicht widerstehen.

Als Kaisertreuer hatte er keine Sympathien für die 1933 an die Macht gekommenen Nationalsozialisten, hegte jedoch sehr gute Beziehungen zum damaligen Apotheker und Gemeindearzt. Eine Akademikerrunde, die ihm wahrscheinlich auch den Neid Einzelner einbrachte.

Die damalige Gemeindediakonisse Maria Brenner soll Ende 1933 einen denunzierenden Brief an die NSDAP und die evangelische Landeskirche verschickt haben, in denen Brehm homosexueller Neigungen bezichtigt wurde. So jedenfalls berichtet es die Kirchenchronik.

Am 15. März 1935 erhielt Brehm einen Telefonanruf von der Landeskirche, in dem er gebeten wurde, am nächsten Tag zu einem Gespräch nach Kassel zu kommen. Dort wurde er von einem Vertreter der „Deutschen Christen“ mit den Vorwürfen konfrontiert. Beladen mit den für ihn ungeheuerlichen Anschuldigungen ging er anschließend zum Hauptbahnhof. Dort schrieb er einen Abschiedsbrief und warf ihn in den Briefkasten.

Bahnbedienstete sahen, wie Brehm auf dem Bahnsteig wie ein Angetrunkener auf und ab ging. Später bestieg er den Per-sonenzug nach Niedervellmar und stürzte sich in der Nähe eines Bahnübergangs aus dem fahrenden Zug. Er wurde von den Rädern überrollt und war sofort tot.

Die Gemeindediakonisse musste kurz nach dem Versenden ihres Briefes im Krankenhaus operiert werden und verstarb während des Eingriffes. Der angebliche Brief mit den erhobenen Vorwürfen war nicht mehr aufzufinden. Eine anschließende Untersuchung des Falles durch die Kriminalpolizei erbrachte keine Hinweise auf berechtigte Vorwürfe oder gar belastendes Material gegen Brehm. Auch die Befragung seiner ehemaligen Konfirmanden ergab keinerlei Anhaltspunkte auf sittliche Verfehlungen des Beschuldigten. Nach dem Freitod ihres Mannes verließ Brehms Witwe mit ihren beiden Kindern die Gemeinde, zog nach Marburg und kam nie wieder nach Obervellmar zurück. 

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