Afghanin lebte lange in Vellmar

Zohre Esmaeli: Vom Flüchtling zum Topmodel

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Von Afghanistan auf die Laufstege dieser Welt: Zohre Esmaeli ist das einzige afghanische Topmodel. Nach ihrer Flucht lebte sie mit ihrer Familie einige Zeit in Vellmar.

Vellmar. Zohre Esmaeli (29) flüchtet mit ihrer Familie 1999 aus Afghanistan, um der Unterdrückung durch die Taliban zu entkommen. Heute ist sie Afghanistans einziges Topmodel.

Nach einer langen und gefährlichen Flucht kommt die Familie in einem Flüchtlingsheim bei Kassel-Calden unter. Später zieht sie nach Vellmar. Doch die erhoffte Freiheit findet Zohre nicht. „Ich bin eine Rebellin“, sagt Zohre Esmaeli. Dabei schwingt in ihrer Stimme Stolz mit, aber auch so etwas wie Verlegenheit. Es scheint, als sei sie selbst nicht ganz sicher, ob es gut oder schlecht ist, eine Rebellin zu sein. Gegen Konventionen zu verstoßen, sich zu widersetzen, um frei zu sein, und damit gleichzeitig die Familie zu beschämen. An diesem Abend spricht sie vor dem Reservistenverband Kassel.

Zohre ist groß, schlank und schön. Ihre Schönheit hat die 29-Jährige zum Beruf gemacht. Zohre ist ein international erfolgreiches Model, arbeitet in Paris, New York, Mailand und Berlin. Sie lebt auf der Sonnenseite des Lebens. Doch das war nicht immer so.

Geboren wurde Zohre in Afghanistan, genauer in Kabul. Dort lebte sie mit ihrer Familie bis zu ihrem dreizehnten Lebensjahr - und litt unter der Schreckensherrschaft der Taliban. 1999 floh sie mit ihrer Familie. Einen Monat sollte der Weg von Afghanistan quer durch Vorderasien über Osteuropa bis nach Deutschland dauern, tatsächlich wurde daraus eine halbjährige Odyssee.

Zohre und ihre Familie mussten sich in heruntergekommenen Häusern und völlig überfüllten Wohnungen verstecken, erlebten Hunger, Gewalt und Todesangst. Doch sie schafften es nach Deutschland und kamen im Flüchtlingsheim im Caldener Ortsteil Fürstenwald unter. Gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem Bruder lebte Zohre dort in einem kleinen Zimmer.

„In dieser ersten Phase haben wir viel entdeckt. Das war eine Zeit voller Emotionen“, erinnert sich Zohre. Einerseits sei das schön gewesen, andererseits habe sie ihre Heimat sehr vermisst. „Die Schulzeit war schwierig“, sagt Zohre. Ihr Bruder und sie seien die einzigen Ausländer in der Klasse gewesen. Sie hatten das Gefühl, nicht dazuzugehören, ausgeschlossen zu sein.

Nach eineinhalb Jahren zog die Familie in eine Drei-Zimmer-Wohnung nach Vellmar-West. Zohre bettelte so lange, bis sie ein Zimmer für sich allein bekam. „Das war für mich das Paradies“, erinnert sie sich. Doch die Schulzeit blieb schwierig. Auch in der Ahnatal-Schule fand das Mädchen aus Afghanistan kaum Anschluss. „Die Mitschüler haben mich oft gemobbt“, erzählt sie.

Von ihrer Familie fühlte Zohre sich kontrolliert. Ihr Vater, aber besonders auch ihre Brüder seien sehr streng gewesen. Sie verboten ihr, auszugehen, zu schwimmen und Fahrrad zu fahren. Als Zohre 16 Jahre alt war, sprach sie in einem H&M-Laden in der Kasseler Innenstadt eine junge Frau an - die damalige Miss Hessen. Zohre sei schön, ob sie nicht modeln wolle, fragte sie und gab ihr die Nummer eines Fotografen. Doch auch das verbot ihr Vater. Eines Tages rief eine ihrer Schwestern aus Kanada an. Sie habe dort einen afghanischen Mann für Zohre gefunden.

Am nächsten Tag lief Zohre von zu Hause fort. Sie kam in einem Heim in Calden unter, doch sie hatte Angst, dass ihre Brüder sie dort finden würden. Deshalb zog sie in eine Einrichtung in Kassels Stadtmitte. Aber auch dort fühlte sie sich nicht sicher. Sie durfte nicht hinausgehen, fürchtete sich davor, entdeckt zu werden - und lief auch von dort fort, nach Stuttgart zu ihrem damaligen Freund.

Auf der Flucht: Zohre Esmaeli.

Ein Jahr lang hatte Zohre keinen Kontakt zu ihrer Familie. „Das war das schwierigste Jahr für mich“, sagt sie. Auf der Flucht aus Afghanistan sei wenigstens ihre Familie dabei gewesen. Jetzt sei sie ganz allein gewesen. „Ich war oft verzweifelt, wusste nicht, wo der Weg hinführt und hatte Angst“, erinnert sie sich. In dieser Zeit ließ sie endlich Fotos von sich machen und wurde von einer Agentur aufgenommen.

Heute ist die 29-Jährige das einzige afghanische Topmodel der Welt. Ihre Familie lebt noch in Vellmar. Mittlerweile haben sie wieder Kontakt. „Sie akzeptieren meinen Lebensweg“, sagt Zohre.

Sie denke oft an Afghanistan, sagt Zohre. Deshalb hält sie die Verbindung zu ihrer Heimat lebendig - vor allem durch ihre karitative Arbeit für den Verein „Afghanistan - Hilfe, die ankommt“ und die Organisation „Women for Women“, die sich für die Rechte afghanischer Frauen einsetzt. „Da kann ich die Liebe zu meinem Land ausleben.“ Aber sie habe eben ein freies Leben gewollt. Und frei sei sie nun - aber auch wurzellos, wie sie sagt. „Emotionale Höhen und Tiefen sind eben der Preis für diese Freiheit."

Von Nicole Schippers

Zohre Esmaelis Leben vereint die größten Gegensätze: die Liebe zur Freiheit und den Respekt vor der Tradition. Über ihren außergewöhnlichen Lebensweg, ihre Flucht, ihre Zeit in Calden, Vellmar und Kassel sowie ihre internationale Model-Karriere hat die 29-Jährige ein Buch geschrieben: „Meine neue Freiheit – Von Kabul über den Laufsteg zu mir selbst“, Bastei/Lübbe Verlag, ISBN 978-3-404-60772-3, 264 Seiten, 9,90 Euro.

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