Jüdische Zwangsarbeiterin Blanka Pudler aus Ungarn zu Besuch an Herderschule

„Vergessen ist falscher Weg“

Blanke Pudler mit Schülern des Vorbereitung-Teams der Herderschule: Kim Niemeier (von links), Charlene Ebener, Simon Licht, Aung Kyaw Puy und Malin Austadt. Fotos: Grigoriadou

Kreis Kassel. In der Aula der Herderschule in Kassel sitzen 150 Schüler. Doch kein Lachen und keine Scherze sind zu hören, es ist einfach still. Teilweise mit Tränen in den Augen blicken die jungen Schülerinnen und Schüler zur Bühne auf Blanka Pudler, die aus ihrem Leben erzählt. Von Auschwitz, der Zwangsarbeit im Sprengstoffwerk Hirschhagen bei Hess. Lichtenau und ihrem zweiwöchigen Todesmarsch. Die Geschichtskurse des 13. Jahrgangs gedenken zum zwölften Mal des Holocausts.

„Ich kann immer noch nicht verstehen, wie so etwas Schreckliches passieren konnte“, sagt die 82-jährige Ungarin jüdischen Glaubens. Während sie sich an ihre Jugend erinnert, zittert ihre Stimme. Hat sie die schrecklichen Ereignisse verarbeitet? „Es ist immer noch sehr schwer, darüber zu sprechen“, sagt sie und lächelt sanft. „Obwohl ich schon seit über 20 Jahren von meinen Erlebnissen erzähle. Aber vergessen ist der falsche Weg.“

Kaum 15 Jahre alt war sie damals, als man sie, ihre Geschwister und Eltern an einem Freitag aus ihrer Wohnung im slowakischen Akna Szlatina brutal verjagte. „Es war Sabbat“, erinnert sich Blanka Pudler. „Der traditionelle Hefezopf zum Schabbes war im Herd, als sie kamen.“

Nach tagelanger Reise in einem Viehwaggon mit 80 anderen Gefangenen erreichten sie Auschwitz-Birkenau. Ihre Schwester Aranka ist nicht aufzufinden, ihr Vater und die Mutter werden sofort von ihr getrennt. Blanka bleibt allein.

„Wir wurden kahl geschoren und wurden desinfiziert. Innerhalb von wenigen Stunden haben sie uns unsere Würde genommen. Wir waren nicht mehr dieselben Menschen“, sagt sie. Und dann hörte sie ihren Namen: „Blanka, Blanka, hörte ich hinter mir eine tiefe Stimme. Es war meine Schwester Aranka.“

Mit tausend anderen Mädchen schliefen sie auf engstem Raum auf dem kalten Boden. „Eines Tages kam eine SS-Offizierin mit einer polnischen Begleiterin und fragte uns, wer unter 16 Jahre ist. Diese Mädchen würden zu ihren Müttern gebracht. Ich freute mich so sehr, verabschiedete mich weinend und küssend von Aranka und meldete mich sofort“, erinnert sich Blanka Pudler.

Doch die polnische SS-Frau sah den Abschied, ging auf die Mädchen zu und schrie Blanka an, was ihr einfalle zu lügen. „Du bist schon 16. Das weiß ich genau.“

Erst später erfuhren Blanka und Aranka, dass die Mädchen, die sich gemeldet hatten, getötet wurden. Genau wie ihre Mütter. „Ich weiß bis heute nicht, warum mich diese Frau gerettet hat. Vielleicht hatte sie auch eine jüngere Schwester“, sagt Blanka Pudler.

„Gab es denn in Auschwitz auch Momente, wo gelacht wurde?“, fragt Malte Herwig. Blanka Pudler lacht: „Wir mussten manchmal lachen. Es war wichtig für uns, um nicht den Lebensmut zu verlieren. Menschen ohne Hoffnung haben Auschwitz nicht überlebt.“

Herder-Schülerin Josephine Götte war es wichtig zu erfahren, woher Blanka Pudler die Kraft nimmt, über diese schreckliche Zeit zu reden. „Es ist wichtig, dass junge Menschen das hören. Ich bin zwar erschöpft, aber doch zufrieden, und die Erinnerungen kommen immer hoch“, sagt die 82-Jährige.

Von Anthoula Grigoriadou

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