Nach 70 Jahren erreichte Ruth Morbitzer (81) ein besonderes Geschenk ihres Vaters

Ein vergessenes Kästchen

Vater Karl Stemmer: Er ließ das Kästchen anfertigen. Foto: privat/nh

Schauenburg. Vor wenigen Tagen bekam Ruth Morbitzer aus Elgershausen nachträglich ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk. Da war die Freude groß bei der 81-Jährigen. Was für die meisten nur ein schwarzes Holzkästche ist, hat für die Seniorin eine große Bedeutung. „Es ist das einzige persönliche Andenken an meinen verstorbenen Vater“, erklärt sie.

Während auf der Oberseite eine Kirche zu sehen ist, kann man auf der Bodenunterseite die Initialien RS für Ruth Stemmer, wie sie mit Mädchennamen hieß, lesen. Außerdem ist die Jahreszahl 1942 und Krakau eingeschnitzt.

Eltern trennten sich

Eigentlich sollte Ruth Morbitzer die Schatulle schon vor über 70 Jahren bekommen. Die ältere Dame berichtet, warum das Geschenk ihres Vaters sie erst jetzt erreicht hat: „Meine Eltern Irma und Karl haben sich - im Bösen - während des Zweiten Weltkrieges scheiden lassen“, sagt Morbitzer. Karl sei in Polen stationiert gewesen. Als Morbitzers Tante 1942 zum Arbeitsdienstjahr nach Polen verschickt wurde, traf sie in Krakau auf Karl. Dieser hatte für seine Tochter Ruth das kleine Holzkästchen anfertigen lassen.

Als die Tante sich zurück auf den Weg von Polen nach Hann. Münden machte, wo Morbitzer und ihre Mutter wohnten, hatte sie die Schatulle im Gepäck, um sie, auf Karls Wunsch, Irma zu übergeben.

„Meiner Mutter sollte das Kästchen an mich weitergeben“, erklärt die Beschenkte. Immer noch voller Wut auf den Exmann, weigerte sich Irma. Somit behielt die Tante das Geschenk und hütete es während der Kriegszeit wie ihren Augapfel.

In Schublade vergessen

Nach mehreren Umzügen wanderte die Schatulle schließlich in eine Schublade und wurde völlig vergessen. „Obwohl mein Vater nach dem Krieg zurückkam, und wir immer Kontakt hatten, hat er mir nie von dem Kästchen erzählt“, berichtet sie.

Im vergangenen Jahr, als die Tante umzog, fiel ihr das ungewöhnliche Geschenk wieder in die Hände. Zwei Tage vor Weihnachten rief sie ihre Nichte Ruth an und berichtete von dem „Gruß ihres Vaters“. Natürlich schickte sie das Geschenk sofort nach Elgershausen, wo Ruth Morbitzer jetzt wohnt.

Nach langer Zeit hat das Geschenk von 1942 nun doch noch den Weg zu ihrer ursprünglich vorgesehenen Besitzerin gefunden. Die 81-Jährige möchte das Kästchen irgendwann mal an ihre Tochter weitergeben und diese soll es weiter an ihre Tochter - Morbitzers Enkelin - geben.

„Ich wünsche mir, dass dieses besondere Geschenk meines Vaters immer im Besitz der weiblichen Nachkommen bleibt“, sagt Ruth Morbitzer bestimmt.

Von Tina Hartung

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