Diensthabende müssen weiter fahren

Vergrößerung der Notdienstbezirke: Nachteile für Patienten befürchtet

Kreis Kassel. Die Neuregelung des ärztlichen Bereitschaftsdienstes im Raum Kassel sorgt im Altkreis Kassel für Kritik von Ärzten und Kommunen.

Sie befürchten Nachteile in der ärztlichen Versorgung der Patienten und schlechtere Arbeitsbedingungen für Ärzte.

Die Kassenärztliche Vereinigung hat den ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) der Region Kassel-Stadt/Land zum Jahreswechsel neu organisiert. Dabei wurde der Einzugsbereich vergrößert, hinzugekommen ist der nördliche Schwalm-Eder-Kreis mit dem Raum Melsungen bis Morschen. Für die betroffenen Ärzte bedeutet dies, dass sie auch weiter entfernte Patienten versorgen müssen.

„Die Bezirke sind zu groß, die Wege zu weit“, meint Helsas Bürgermeister Tilo Küthe (SPD). Die Ärzte stünden während des Bereitschaftsdienstes ihren eigenen Patienten nicht zur Verfügung.

„Bisher mussten wir nur bis nach Körle oder Gudensberg fahren“, sagt die Kaufunger Ärztin Dr. Ulrike Ampf der HNA. Da sei sie maximal 30 Minuten unterwegs gewesen. Nun aber rechnet sie mit deutlich längeren Fahrzeiten, wenn sie etwa nachts im Winter nach Malsfeld oder Morschen fahren muss. Die Kranken müssten dann lange auf den Arzt warten - Patienten etwa im Altenheim oder Kinder, die mit hohem Fieber im Bett liegen. Neu sei außerdem, dass die Ärzte in der Nacht jetzt auch die telefonische Beratung von Patienten übernehmen müssten, weil in der neuen Dispositionszentrale nachts kein Arzt mehr sitze, so die Kritik.

Insgesamt würden die Arbeitsbedingungen für Ärzte schlechter. Die Ruhezeit werde kürzer oder falle ganz weg, wenn die eigene Praxis am nächsten Tag wieder geöffnet ist. Das lasse die ohnehin geringe Attraktivität von Landarztpraxen weiter sinken.

Die Kassenärztliche Vereinigung weist die Kritik zurück. „Die Reform bringt eine deutliche Verbesserung für Ärzte auf dem Land“, sagt KV-Sprecherin Petra Bendrich (Frankfurt). Die Großzahl der Ärzte sei zufrieden, weil sie wegen der größeren Versorgungsgebiete jetzt seltener Notdienste leisten müsste. Die Wegstrecken seien für die Ärzte zumutbar. Trotz der neuen Zuschnitte werde von der Dispositionszentrale in Kassel der jeweils nächstgelegene diensthabende Arzt zu einem Patienten geschickt, auch wenn er aus einem anderen Bezirk komme.

„Für die Patienten verbessert sich die Situation, weil sie jederzeit einen Arzt erreichen“, sagt die KV-Sprecherin: am Wochenende, nachts und auch an Mittwoch- und Freitagnachmittagen, wo die meisten Praxen geschlossen sind. Die Patienten müssten sich nicht an die neuen Bezirke halten; wenn sie mobil sind, können sie die nächstgelegene Bereitschaftsdienstzentrale aufsuchen.

Die Ärzte hätten die Reform bei einer Mitgliederversammlung am 15. Oktober 2014 beschlossen. Dabei hätten sie sich auch dafür ausgesprochen, dass sie selbst fahren und nicht wie in anderen Bezirken gefahren werden, so Bendrich. Fotos: privat/nh

Hilfe gibt es unter Telefon 116 117

Immer wenn die Arztpraxen geschlossen sind, kann man unter der zentralen Rufnummer 116 117 den Ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen: Mo, Di, Do von 19 bis 7 Uhr morgens; Mi, Fr 14 bis 7 Uhr, am Wochenende rund um die Uhr. Die Dispositionszentrale in Kassel nimmt alle Anrufe in Nordhessen entgegen.

Die Disponenten entscheiden, wie dem Patienten geholfen werden soll: In 6 Prozent der Fälle wird sofort der Rettungsdienst geschickt. In 9 Prozent werden die Anrufer vom diensthabenden Arzt am Telefon beraten. In 19 Prozent wird dem Patient ein Arzt zum Hausbesuch geschickt. Bei 66 Prozent handelt es sich um allgemeine Informationen, etwa zu den Öffnungszeiten des Notdienstes.

Patienten, die mobil sind, können zu den Öffnungszeiten auch ohne vorherigen Anruf zum nächstgelegenen Ärztlichen Bereitschaftsdienst fahren, um sich dort behandeln zu lassen.

Bei lebensbedrohenden Notfällen ist weiterhin der Rettungsdienst unter Tel. 112 zu alarmieren. (hog)

796 Ärzte für 453 000 Menschen´

Der neu gestaltete Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) Kassel-Stadt/Land umfasst die Altkreise Hofgeismar und Kassel sowie den Altkreis Melsungen. Der Altkreis Wolfhagen ist Waldeck zugeordnet, die Gemeinde Helsa der Einheit Werra-Meißner-Nord. Oberweser und Wahlsburg werden von der Einheit Oberweser/Uslar versorgt, Reinhardshagen von Hann. Münden.

In der Einheit Kassel-Stadt/Land gibt es drei ärztliche Bereitschaftsdienstzentralen, wo sich Patienten vor Ort behandeln lassen können: in Kassel (Wilhelmshöher Allee 67), Hofgeismar (Kreisklinik) und Melsungen (Asklepios-Klinik).

In dem Versorgungsgebiet Kassel-Stadt/Land leben 453 000 Einwohner. Es gibt 796 Vertragsärzte, die sich die Dienste teilen. Alle Ärzte, egal welcher Fachrichtung, müssen Notdienste leisten. Sie müssen sich entsprechend fortbilden. Laut Kassenärztlicher Vereinigung müssen sie maximal acht Notdienste pro Jahr leisten.

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