Lkw-Fahrer klagten bei Gewerkschaftstreffen über ihre Arbeitsbedingungen

Lkw-Fahrer klagen über Arbeitsbedingungen - "Kampf gegen Windmühlen"

Mogeleien mit Arbeits- und Pausenzeiten sind häufig: Datenfachmann Alexander Klemm zeigt eine der Chipkarten, mit denen sich Fernfahrer an den digitalen Fahrtenschreibern in ihren Fahrzeugen anmelden. Foto:  Schwarz

Kassel. Der Arbeitsalltag von Fernfahrern sei „ein Kampf gegen Windmühlen“, klagte einer von 40 Truckern, die am Samstag zu einer Informationsveranstaltung der Gewerkschaft Ver.di auf dem Autohof Lohfeldener Rüssel gekommen waren. Damit sprach der Mann wohl auch vielen aus dem Herzen, die sich aus Angst um ihren Job gar nicht erst zu dem Treffen getraut hatten.

„Wir wollten eigentlich mit sieben, acht Kollegen kommen - ich bin der klägliche Rest“, erzählte ein Teilnehmer. Die anderen hätten wohl Ausreden vorgeschützt.

Die Sitten sind rau in Nordhessens Transportgewerbe. Wer bei Ver.di gesehen wird, muss zuweilen mit seinen Entlassungspapieren rechnen. Zeitdruck, zum Teil sittenwidrige Niedriglöhne und der implizite Druck von Chefs und Transportkunden zur ständigen Überschreitung von gesetzlichen Lenkzeitgrenzen waren Themen bei dem Treffen. „Viele kriegen mehr Arbeitslosengeld, als ich verdiene, wenn ich ständig auf der Autobahn bin“, redete sich einer seinen Frust von der Seele.

Große Kunden bestimmen

Diesen Frust will die Logistikgewerkschaft bündeln und für bessere Bedingungen kämpfen. Ver.di weiß, dass die Speditionsunternehmer nur ein Teil des Problems sind, da die Rahmenbedingungen von großen Versandkunden gesetzt würden. So sei es „auffällig, dass gerade im Umfeld von VW die schlechtestbezahlten Fahrer anzutreffen sind“, kritisierte Gewerkschaftssekretär Manuel Sauer.

„Vor 20 Jahren hat ein Lkw-Fahrer ein Drittel mehr verdient als heute“, sagt Alexander Klemm, der selbst viele Jahre hinterm Steuer saß. Heute betreibt er eine Firma für Technik, Software und Schulungen rund um die digitalen Fahrtenschreiber in den Lastwagen. Bei der Ver.di-Veranstaltung trat er als Referent auf für ein Kernproblem, das den Truckern den Arbeitsalltag sauer macht.

Die Zeiterfassungstechnik werde in stillschweigendem Einvernehmen zwischen Fahrern und Unternehmern nicht so benutzt wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben, erläutert der Fachmann. Die gängige Vorgehensweise: Während des Be- und Entladens, was schon mal eine Stunde dauern kann, werde das Gerät nicht vorschriftsmäßig auf Arbeits-, sondern auf Pausenzeit umgestellt. Der Effekt: Mit einer gebuchten Ruhezeitstunde könne der Fahrer dann wieder eine Stunde länger unterwegs sein - insgesamt aber oft deutlich länger, als das Arbeitsrecht zulasse.

„Auf dieser Basis werden die Touren auch geplant“, sagt Klemm. Würde die Mogelei unterlassen, würden nicht nur Fahrer, sondern auch Spediteure profitieren, rät er: „Man hätte den Nachweis, dass man mehr Personal braucht, und dann müssten die Frachttarife steigen.“ Über sporadische Kontrollen und Strafen hinaus sei die Politik in der Pflicht, die Transportunternehmer bei der Einhaltung des gesetzgeberischen Willens zu stärken.

Klemm weiß, dass die Praxis anders aussieht. Ein Trucker bei dem Treffen erzählte, was die Chefs standardmäßig zu ihrem Fahrpersonal sagen: „Du kriegst das schon hin.“

Von Axel Schwarz

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