Baunatal: 60 Jahre VW-Werk 

Volkswagen: Beim E-Antrieb ist Baunataler VW-Werk Vorreiter 

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Das ist seine Welt: Hans-Josef Watermeier blickt auf die Produktionslinie für das Direktschaltgetriebe DL 382 in der Halle 1. Dieses wandert etwa in die Audi-Modelle A 4, A 5, A 6 und A 7 sowie den Q 5. Unten sind seine Mitarbeiter Biagio Marchesano (von links), Natascha Heise und Sedat Ünlü zu sehen.  

Baunatal. Früher dachte man, Automatik-Autos seien etwas für Senioren. Heute gilt das Direktschaltgetriebe als Zukunftsmodell. Das VW-Werk in Baunatal ist dabei ganz vorn.

Als im Jahr 2003 das erste Direktschaltgetriebe (DSG) im Baunataler VW-Werk vom Band lief, konnte noch niemand ahnen, welchen Weg diese Technik nehmen würde. Bis dahin ordnete man das Fahren mit Automatik eher Senioren zu, die keine Lust mehr aufs ständige Schalten hatten. Heute, 15 Jahre später, sagt Hans-Josef Watermeier, Leiter des Getriebebaus in Baunatal: „Es ist eine Erfolgsgeschichte geschrieben worden.“

Das belegen auch die harten Zahlen: Aktuell baut das Werk pro Jahr 2,35 Millionen dieser Doppelkupplungsgetriebe, bei denen sich der Schaltvorgang im Millisekundenbereich abspielt. Nur noch 1,43 Millionen Getriebe der jährlichen Produktion aus Kassel sind die klassischen Handschalter.

Unvergessen ist der VW-Werbespot aus der Anfangszeit der DSG mit den beiden Jungs auf der Treppe. Der eine schaltet noch per Hand, der andere baut auf die Automatik und läuft beim Spiel rot an, weil es keine Unterbrechung mehr beim Schaltvorgang gibt und er bei seinem Summgeräusch keine Zeit zum Luftholen hat.

Hans-Josef Watermeier hat das alles aktiv begleitet. Seit 35 Jahren arbeitet der Ingenieur aus dem westfälischen Borgentreich in der Getriebefertigung in Baunatal. In den ersten 15 Jahren habe sich kaum etwas verändert in der Baunataler Fabrik, sagt er. Doch dann sei das DSG gekommen. Viel habe sein Vor-Vorgänger Jürgen Tischer auf den Weg gebracht, blickt der 56-Jährige auf die Pionierzeit des DSG zurück. Und spätestens beim Durchgang durch das Werk wird einem als Begleiter klar: Hans-Josef Watermeier ist ein gutes Stück „60 Jahre VW-Werk“. Immer wieder bleibt er stehen, spricht mit dem einen Kollegen hier und mit einem anderen da.

Heute sind die Automatikgetriebe der absolute Renner in der Fabrik. Laut Werkleiter Thorsten Jablonski sorgt die hohe Nachfrage für eine Sonderkonjunktur in Baunatal. Trotz Sparprogramms bei VW stockte das Werk Kassel genau deshalb die Mitarbeiterzahl um 500 auf und liegt jetzt wieder bei 17 100 Beschäftigten. Die Direktschalter sind gefragter denn je. 6500 Menschen arbeiten allein im Getriebebau.

Jetzt kommt E-Antrieb

Hans-Josef Watermeier ist keiner, der sich auf diesen Erfolgen ausruht. Im Gegenteil. „Das ist eigentlich Vergangenheit“, sagt er. „Jetzt kommen die elektrischen Antriebsarten.“ Auch da ist der Mann, der ganze Getriebewerke in China plant, wieder gefragt. In der Halle 1 des Baunataler Standortes – nicht weit von seinem Büro entfernt – soll er den Abbau der Produktion von Handschaltgetrieben vorbereiten. An diese Stelle kommt ein Stück neue Welt von Volkswagen. Ab Ende 2019 wird genau dort der Modulare Elektronikbaukasten (MEB) sowie die neue Generation der Volkswagen-Elektromotoren gebaut. Platz soll es in der Halle 1 geben für die Produktion von bis zu einer Million Elektroautoplattformen pro Jahr.

Zahnräder im Blick: Christine Koch arbeitet als sogenannte Messmittel-Beauftragte im Getriebebau.

Dass die neue Antriebstechnik für den klassischen Getriebebau auch eine Herausforderung bedeutet, weiß Watermeier. Schließlich benötige die reine Elektromotorenfertigung nur noch 30 Prozent der heutigen Mitarbeiter aus dem Getriebebau. „Das ist die große Transformation.“

Dennoch spricht Watermeier auch von einer Übergangszeit. Derzeit gebe es einen Trend zu Hybridfahrzeugen – der Kombination aus Verbrennungsantrieb und Elektromotor. Dafür müsse man am Standort sogar mehr Teile produzieren als bei der herkömmlichen Technik.

Wenn man mit Hans-Josef Watermeier in der Halle 1 an dem weißen Feld vorbeikommt, wo VW mit den I.D.-Modellen bald in die elektrische Zukunft starten will, dann kann der Beobachter in seinen Augen die Entwicklung schon ein Stück weit sehen.

Zur Person

Hans-Josef Watermeier (56) stammt aus dem westfälischen Borgentreich-Körbecke. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung als Kfz-Mechaniker. Anschließend studierte er an der Universität Paderborn Maschienenbau. Seit 35 Jahren arbeitet Watermeier im VW-Werk Kassel in Baunatal. Im Getriebebau war der Diplom-Ingenieur in verschiedenen Funktionen tätig. Heute ist er Leiter des Getriebebaus, in dem 6500 Menschen beschäftigt sind. Unter anderem spielt Watermeier im Volkswagen Soundorchestra Tuba. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

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