Senior aus dem Landkreis Kassel ist auf Betrüger reingefallen

Vorsicht, falscher Enkel: So schützt man sich vor Kriminellen

Opfer des Enkeltricks: Für ältere Menschen, die auf Betrüger hereingefallen sind, kann dies existenzielle Folgen haben. Foto: Wüllner

Einbrüche, Enkeltrick, Phishing und Scamming - die Tricks der Kriminellen werden immer raffinierter - und die Opferzahlen steigen. In Kooperation mit der Polizei geben wir Tipps zur Prävention.

Es war der kurze Moment, mit dem sich der 79-jährige Fritz Lange (Name geändert) um seine sämtlichen Lebensersparnisse brachte: „Willst Du nicht mehr haben? Ich kann Dir auch 35.000 Euro geben“?, fragt er seine „Enkelin“ am Telefon, die ihn gerade um 20.000 Euro angepumpt hat. Überrascht dankt sie ihm überschwänglich.

Eine Verkettung unglücklicher Umstände sorgt dafür, dass der Enkeltrick bei dem Senior aus dem Landkreis Kassel besser funktioniert, als die Ganoven sich das ausgerechnet hatten. Susanne Gottmann, Präventionsbeamtin bei der Polizei, fasst die Ereignisse zusammen, weil das Opfer seit dem Vorfall psychisch stark angeschlagen ist und nicht über das Erlebte sprechen möchte.

Fritz Lange lebt in einer Wohnung direkt neben dem Haus seiner Tochter. Sie kümmert sich um ihn, kauft hier und da etwas ein und fährt ihn zum Arzt. Bei einer Geburtstagsfeier mit der Familie erzählt Langes Enkelin, dass sie im Frühling bauen möchte und schon bei der Bank war, um sich über Kredite zu informieren.

Als die falsche Enkelin bei Lange anruft, bringt er das Gespräch sofort auf das Bauvorhaben. „Die kriminelle Anruferin muss daraufhin sofort ihre Strategie geändert haben“, vermutet Susanne Gottmann. Sie tischt dem Senior die Lüge auf, dass sie einen Bauplatz in Aussicht hat, der sofort angezahlt werden muss, damit er ihr nicht vor der Nase weggeschnappt wird. Sie bekomme das Geld zwar von der Bank, die Kreditanträge seien jedoch noch nicht genehmigt. Sofort erklärt sich Fritz Lange bereit, ihr seine ganzen Ersparnisse zu borgen.

Das Unglück nimmt weiter seinen Lauf. „Die echte Enkelin war tatsächlich bei der Bank und hat sich dort nach Konditionen für ihren Hausbau erkundigt“, so Gottmann.

Als der 79-Jährige dort erscheint und von dem Bauvorhaben seiner Enkelin erzählt, schöpft deshalb auch niemand bei der Bank Verdacht. Ihm wird das Geld ausgehändigt. Die „Freundin der Enkelin“ holt schließlich das Geld ab. Arglos übergibt es der Mann, da die „Enkelin“ kurz vorher per Telefon ihre Freundin angekündigt hat.

Erst eine Woche später fliegt der Betrug auf, als Fritz Langes Tochter ihm Lebensmittel bringt und der Senior sie nicht bezahlen kann, weil sein Finanzpolster immer mal wieder die Zeit bis zur Rentenzahlung überbrückt hat und davon nichts mehr übrig ist.

Eintrag im Telefonbuch löschen

Betrüger rufen gerne Personen an, die alleinstehend sind, und ältere Vornamen haben.

Das Telefon ist ein gefährliches Einfallstor für Kriminelle. Das sagt Reinhard Giesa, Chef der Präventionsabteilung im Polizeipräsidium Kassel. An der Haustür habe das Opfer zumindest noch die Kontrolle über die Augen und schöpfe möglicherweise eher Verdacht. Das Telefon gaukele eine vermeintliche Sicherheit vor, weil der Anrufer ja weit weg sei.

„Senioren sollten, wenn nötig mit Hilfe ihrer Angehörigen, ihren Eintrag aus dem Telefonbuch entfernen lassen“, rät Giesa.

Der so genannte Enkeltrick ist eine besonders hinterhältige Form des Betrugs, der für Opfer oft existenzielle Folgen haben kann. Sie können dadurch hohe Geldbeträge verlieren oder sogar um Ihre Lebensersparnisse gebracht werden.

„Rate mal, wer hier spricht“

Mit den Worten „Rate mal, wer hier spricht“ oder ähnlichen Formulierungen rufen Betrüger bei meist älteren und allein lebenden Personen an, geben sich als Verwandte, Enkel oder auch gute Bekannte aus und bitten kurzfristig um Bargeld.

Notlage wird vorgetäuscht

Als Grund wird ein finanzieller Engpass oder eine Notlage vorgetäuscht, beispielsweise ein Unfall, ein Auto- oder Computerkauf. Die Lage wird immer äußerst dringlich dargestellt. Oft werden die Betroffenen durch wiederholte Anrufe unter Druck gesetzt. Sobald das Opfer zahlen will, wird ein Bote angekündigt, der das Geld abholt.

Hat der Betroffene die geforderte Summe nicht parat, wird er gebeten, unverzüglich zur Bank zu gehen und dort den Betrag abzuheben. Nicht selten ruft der Täter sogar ein Taxi, wenn das Opfer den Weg nicht mehr zu Fuß bewältigen kann.

Auf diese Weise haben Enkeltrick-Betrüger in der Vergangenheit bereits Beträge im fünfstelligen Eurobereich erbeutet.

Tipps der Polizei zum Schutz vor dem Enkeltrick:

• Seien Sie misstrauisch, wenn sich jemand am Telefon nicht selbst mit Namen vorstellt.

• Legen Sie einfach den Telefonhörer auf, sobald Ihr Gesprächspartner Geld von Ihnen fordert.

• Vergewissern Sie sich, ob der Anrufer wirklich ein Verwandter ist: Rufen Sie die jeweilige Person unter der bisher bekannten und benutzten Nummer an und lassen Sie sich den Sachverhalt bestätigen.

• Geben Sie keine Details zu Ihren familiären oder finanziellen Verhältnissen preis.

• Übergeben Sie niemals Geld an unbekannte Personen.

• Informieren Sie sofort die Polizei über die 110, wenn Ihnen ein Anruf verdächtig vorkommt.

• Wenn Sie Opfer geworden sind: Wenden Sie sich an die Polizei und erstatten Sie Anzeige.

Weitere Infos gibt es auf den folgenden Internetseiten www.polizei-beratung.de und www.polizei.hessen.de/Praevention

Vorträge im Polizeiladen buchen

Im Kasseler Polizeiladen können Organisationen, Gruppen oder auch Häuser mit Betreutem Wohnen einen Vortrag buchen, bei dem Polizistin Susanne Gottmann Senioren und andere Interessierte über die fiesen Tricks der Kriminellen aufklärt und Tipps zur Vorbeugung von Straftaten gibt.

Kontakt: Polizeiladen, Wolfschlucht 5, 34117 Kassel, Tel. 0561/17171.

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