Lohntüte aus dem Metallkoffer

VW Baunatal: Ehemalige Betriebsabrechner erinnern sich an alte Zeiten

Getriebe für den Käfer: So sah die Montage in der Halle 1 des VW-Werk Kassel in Baunatal 1964 aus.

Baunatal. Gehaltsabrechnungen und Überweisungen erledigt der VW-Konzern schon lange zentral und elektronisch für seine Mitarbeiter. Doch das war nicht immer so.

Dieter Diegeler hat schon mit dem Computer Abrechnungen gemacht, als er Mitte der 1990er-Jahre in der Personalabteilung des VW-Werks in Rente ging. Doch er kann sich noch wie sein älterer Ex-Kollege Karl-Heinz Crocol an die Zeiten erinnern, in denen sie als so genannte Betriebsabrechner die Löhne noch bar auszahlten, immer nach Schichtende, also auch mal morgens um 6 Uhr.

Die ehemaligen Betriebsabrechner des Volkswagenwerks, darunter auch Baunatals Stadtrat Karl-Hermann Herbst, sind zusammengeblieben und treffen sich regelmäßig, um Erinnerungen auszutauschen. Seit das Werk in Betrieb ging bis in die Anfänge der 1970er Jahre war die Berechnung der Löhne noch Handarbeit . Die Stechkarten der Arbeiter und die Arbeitsprotokolle der Schichtführer mussten ausgewertet, Zuschläge berechnet, Krankheitstage oder unentschuldigtes Fernbleiben vom Lohn abgezogen werden. „In den ersten Jahren haben wir auch Autos für die Mitarbeiter bestellt“, sagt Diegeler. Schwierig sei das nicht gewesen, erklärt Karl-Heinz Crocol „Damals gab es ja nur den Käfer.“

Ehemalige VW-Betriebsabrechner: Hermann Thoma, Manfred Schramm, Kurt Jahnke, Karl-Hermann Herbst (vorn von links) und ihre früheren Kollegen treffen sich regelmäßig in gemütlicher Runde. 

Die Löhne wurden zweimal pro Monat ausgezahlt, im ersten Drittel ein Abschlag, im letzten der Rest. Zehntausende von D-Mark wurden in der Hauptkasse des Werks in beschriftete Lohntüten gesteckt und in Metallkoffern verstaut. Mit den Koffern gingen die Betriebsabrechner dann in die Werkshallen, im Schlepptau eine fahrbare Kabine, in der sie den Arbeitern nach dem Vier-Augen-Prinzip - also immer zu zweit - einzeln die Löhne auszahlten. In der Halle 1 und 2 seien das bis zu 300 Lohnempfänger gewesen, erinnert sich Crocol, der lange Jahre in der ersten Fußballmannschaft des CSC 03 Kassel spielte.

Werkschutzmann mit Pistole schob Wache

Zur Sicherheit schob ein bewaffneter Werkschutzmann bei großen Auszahlungen Wache. Zwischenfälle habe es nie gegeben, sagen die beiden VW-Rentner. Manchmal seien die Frauen mit einer Vollmacht ihres Mannes gekommen, um das Geld abzuholen. „Die hatten wohl Angst, dass die Männer den Lohn gleich in der nächsten Gaststätte umsetzen“, mutmaßt Crocol . Er habe auch gehört, dass es Frauen gegeben habe, die am Werkstor warteten, um ihre Männer mit der Lohntüte in Empfang zu nehmen.

Später gingen die Betriebsabrechner in der Personalabteilung auf. Mit der Einführung der EDV schmolz die Belegschaft. Crocol kam dann noch viel in Europa herum. Er habe bei der Übernahme anderer Marken durch den VW-Konzern, wie beispielsweise Seat, Kassensturz in den neuen Werken gemacht.

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