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VW-Verkäufer als Krisenmanager: Blick in Autohäuser im Kreis Kassel

Sie sind für die Kunden erster Ansprechpartner: Die VW-Händler. Die Mitarbeiter werden häufig auf den aktuellen Skandal um manipulierte Abgaswerte angesprochen. Foto: dpa

Kreis Kassel. Die Krise bei Volkswagen ist nicht nur eine Krise der großen Fabriken des Konzerns. Sie trifft auch die VW-Händler in Städten und Gemeinden.

Die haben an vorderster Front mit den Kunden zu tun. Wir hörten uns bei VW-Autoverkäufern im Landkreis Kassel um.

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Um die Situation authentisch zu gestalten, geben wir uns beim VW-Autoverkäufer nicht als Zeitung zu erkennen. Wir erkundigen uns nach einem Auto, das geeignet ist für lange Strecken. „Da bietet sich doch ein Diesel an?“, fragen wir Paul Heller (Name von der Red. geändert), der in seinem kleinen Autoverkäufer-Büro hinterm Schreibtisch sitzt. Der Mann mit kurzem grauem Haar, etwa Mitte fünfzig, erläutert sachlich und kompetent, was für ein Auto infrage kommt. „Das ist Euro-6-Norm“, versichert er auf Nachfrage, ob bei den genannten Diesel-Varianten noch die Schummel-Software unter der Motorhaube sei, die jetzt weltweit für Aufregung sorgt. Heller beschwichtigt und versichert: „Da haben Sie mit den ganzen Diskussionen nichts zu tun.“

Kaum auf dieses Thema angesprochen, lehnt sich der Mann dann doch zurück, lässt seinen Bildschirm mit den Daten für ein mögliches neues Auto einen Moment beiseite. Ständig gebe es Anrufe und Nachfragen von Kunden, sagt Paul Heller. „Das ist irre.“ Immer wieder müsse er erklären, wie das ist mit den Abgasen bei einem Diesel. „Und wir können doch dafür nichts.“

An Paul Heller wird deutlich: Die Autoverkäufer sind erste Ansprechpartner. Sie müssen einiges für den Konzern ausbaden, wenn Fragen nach dem Betrug kommen. Sie sind damit so was wie Krisenmanager. Für die Kunden sind sie VW.

Paul Hellers Mimik schwankt zwischen einem überspielenden Lächeln und tiefer Nachdenklichkeit. Die ganze Sache um den Abgasskandal beschäftigt vermutlich nicht nur ihn, sondern alle seine Kollegen. Die Händler sind der Puffer zwischen Kunden-Ärger und Fehlmanagement im größten Autokonzern Europas.

Und was ist mit den Leuten, die einen VW mit dem besagten Diesel-Motor EA 189 haben? „Die werden angeschrieben“, antwortet der Autoverkäufer. Zu Zeitpunkt und Umfang der Rückrufaktion kann der Angestellte dieses Autohauses aber noch nichts sagen.

Auch im zweiten VW-Autohaus ist die Situation ähnlich: Als beim Beratungsgespräch das Thema Abgasskandal aufkommt, fragt der Verkäufer zunächst nur: „Wie bitte?“. Man weiß nicht genau, ob Joachim Sachs (Name von der Red. geändert) die Frage wirklich nicht richtig verstanden hat oder ob er nur keine Lust hat, schon wieder mit einem Kunden darüber sprechen zu müssen. Denn: „Natürlich sind die Manipulationen hier das Thema Nummer eins“, sagt Sachs. Fast jeder Kunde frage nach.

Sachs hat sich jetzt zum ersten Mal während des Gespräches zurückgelehnt und die Brille abgenommen. In seinem Gesicht sieht man eine gewisse Erschöpfung. Dennoch rafft er sich schnell wieder auf und erklärt, warum der Diesel-Neuwagen, für den wir uns interessieren, nicht betroffen ist.

Zurück zu Paul Heller. Mit den beiden Motorvarianten - 1,6 und 2 Liter - „da kann nix anbrennen“, sagt er noch mal um zu beruhigen. Und dann öffnet er noch eine Maske auf dem Bildschirm, um die guten Abgaswerte der Autos mit der Euro-6-Norm zu zeigen: „Der hat A+ und nur 102 Gramm CO2-Ausstoß.“

Wir verabschieden uns von Paul Heller. Der Mann wird in den nächsten Wochen noch viele Kohlen für VW aus dem Feuer holen müssen. Ach ja, beim Rausgehen fällt eine VW-Werbeplakat auf dem Gelände des Autohauses auf mit der Aufschrift: „Wir lassen einfach Glas über die Sache wachsen.“

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