Quote von 8,8 Prozent

Baunatal ist Spitze bei Handicap-Arbeitsplätzen im VW-Konzern

Engagiert bei der Sache: Alexander Sänger (von links vorne) und Jörg Will erhalten bald einen behindertengerechten Arbeitsplatz in der VW-Instandhaltung. Darüber freuen sich auch Vertrauensmann Jörg Ebert und Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller. Foto: Kühling

Baunatal. Wenn in der Halle 2 bei VW eine Maschine mit einem elektronischen Defekt den Geist aufgibt, dann rufen die Abteilungen gerne Jörg Will zur Hilfe. Der habe nämlich eine besonderen Sinn bei der Fehlersuche, sagen die Kollegen.

Jörg Will hat seit der Geburt eine Gehbehinderung. Langes Stehen beispielsweise fällt ihm schwer. Der 53-Jährige ist einer von insgesamt 1187 Schwerbehinderten, die im VW-Werk Kassel in Baunatal arbeiten.

Mit einer Quote von 8,8 Prozent sei der Standort im VW-Konzern aktuell an der Spitze, erläutern Jörg Ebert, Vertrauensmann der Schwerbehinderten, und Karl-Heinz Jakob, zuständig für die Arbeitsplatzgestaltung. Gesetzlich gefordert für ein Unternehmen dieser Größe sind ein Mitarbeiterstamm von Menschen mit Handicap von mindestens fünf Prozent.

Jörg Will arbeitet in der Instandhaltung der Halle 2, in der unter anderem das Presswerk angesiedelt ist. Dort sind viele elektronisch gesteuerte Maschinen im Einsatz. Selbstbewusst und motiviert gibt sich der gelernte Energieanlagenelektroniker. Ihm sei trotz seines Handicaps eine anspruchsvolle Arbeit wichtig, sagt er. „Ich will ja hier nicht nur Hütchen sortieren.“

Damit der Arbeitgeber diese Einstellung noch besser nutzen kann, werden demnächst die Arbeitsplätze von Jörg Will und dessen Kollegen Alexander Sänger, der mit einer Schulterprothese ebenfalls schwerbehindert ist, umgebaut. Die Spezialanfertigung des Arbeitstisches kostet 36 000 Euro. 75 Prozent werden voraussichtlich vom Landeswohlfahrtsverband (LWV) übernommen, erläutert Karl-Heinz Jakob.

Monate bevor ein Arbeitsplatz behindertengerecht gestaltet wird, sind die Fachleute schon mit den Abteilungen im Gespräch. Dabei gehe es etwa um den Einsatz von Hebehilfen, um eine geeignete Beleuchtung und Belüftung sowie ganz einfach um ausreichen Platz, so Jakob. „Manchmal müssen wir einen Arbeitsplatz barrierefrei machen oder für die Computer eine spezielle Hard- oder Software einsetzen.“ Geld spielt laut Jakob dabei keine große Rolle. „Das ist unabhängig vom Invest“, sagt er. „Wir wollen den Arbeitsplatz so schaffen, dass der Mitarbeiter dort langfristig tätig sein kann.“

Beeindruckt vom Engagement des Autobauers zeigt sich auch Gabriele Lösekrug-Möller (SPD), Staatssekretärin im Bundessozialministerium. Sie empfinde den Umgang im VW-Werk in Baunatal mit dem Thema als „kollegiales Geschehen“, sagt sie bei ihrem Besuch. „Menschen mit Handicaps in der Arbeitswelt. Das ist ein großes politisches Thema. Da können wir insgesamt in Deutschland noch besser werden.“

Jörg Will jedenfalls holt mit der Unterstützung durch seinen Arbeitgeber das Optimale heraus. Sein Engagement hat für viele Vorbildfunktion. Das geht soweit, dass er sein Wissen auch an den Nachwuchs weitergibt. Seit Jahren ist er in die Ausbildung junger Fachkräfte eingebunden.

Wahlen zur Schwerbehindertenvertretung im VW-Werk: 15. Oktober. 

Von Sven Kühling

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