Zukünftig Berater

VW-Werkleiter Becker im Interview: „Allein hätte ich das nicht geschafft“

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2009: Becker der Dozent: Er sorgte mit dafür, dass eine Professur für Gießereiwesen an die Universität Kassel kam. Foto: VW

Baunatal. Ende des Monats wird Prof. Hans-Helmut Becker (Foto) seinen Posten als Werkleiter im VW-Werk Kassel in Baunatal an seinen Nachfolger Falko Rudolph (47) übergeben. Becker wird dann 65 Jahre alt und damit endet sein Angestellten-Verhältnis beim Wolfsburger Autokonzern. Eine Würdigung.

"Wir müssen erkennen, was unsere Mitarbeiter wert sind und was wir mit ihnen erreichen können.“ Der Einband abgegriffen, das Papier ein wenig gelb, die Kladde dürfte etliche Jahre auf seinem Schreibtisch hinter sich haben. Säuberlich hat Prof. Hans-Helmut Becker dort aufgelistet, was er unter Mitarbeiterführung versteht – lang bevor er Werkleiter wurde: Gruppenarbeit, maximale Verantwortung, gleitender Arbeitsbeginn – sind einige der Punkte.

Sommer 2007: Rund 2000 Mitarbeiter tauschen für eine Woche den Schreibtisch mit dem Band – das galt auch für den Werkleiter. Foto: Herzog

Mitdenken sollen seine Mitarbeiter, mitmachen sollen sie und auch mitgestalten. Davon ist Becker überzeugt, als er den Posten des Werkleiters im Volkswagen-Werk Kassel in Baunatal 2006 übernimmt. Acht Jahre später ist seine Vorstellung von einem erfolgreichen Unternehmen Wirklichkeit geworden: Das VW-Werk Kassel steht um ein Vielfaches besser da, als bei Beckers Antritt: fast doppelt so viele Getriebe pro Tag, rund 2500 neue feste Stellen im Werk.

Ende April wird Becker 65. Damit endet sein Angestellten-Verhältnis bei VW. Anfang Mai übernimmt Falko Rudolph (47) den Posten des Werkleiters. Mit 63 hat Becker schon einmal verlängert. Jetzt ist es wieder „für viele unvorstellbar, dass ich in Rente gehe. Ich höre dann immer, der muss doch noch etwas machen.“

Zur Person: Prof. Dr. Hans-Helmut Becker

Prof. Dr. Hans-Helmut Becker leitet das VW-Werk Kassel in Baunatal seit 2006. Ende April wird er 65. Vor seinem Wechsel nach Baunatal leitete er die VW-Tochter Bordnetze GmbH, davor von 1992 bis 2002 die Gießerei im Werk Kassel. Becker studierte Elektrotechnik sowie Betriebswirtschaftslehre und promovierte später im Gießereiwesen. Mit fünf kam er in die Schule, mit 13 in die Lehre bei der Preußen Elektra in Borken, mit 17 machte er sein Abitur an der Abendschule. Er ist verheiratet und Vater eines erwachsenen Sohns. Becker lebt in Borken. In seiner Freizeit geht er gern auf die Jagd. Ab und an spielt er auch mal Golf – nicht lange, dafür fehlt ihm einfach noch die Geduld

Das Wort Rente will noch nicht so recht über seine Lippen. Es passt auch nicht. Zwar räumt er den Sessel des Werkleiters im VW-Werk Kassel, aber er wird anschließend mit einer halben Stelle als Berater für die VW-Gießereien arbeiten – vor allem in Hannover und Polen. Gleichzeitig macht er sich mit seiner Beratungsgesellschaft selbstständig. Weniger arbeiten wird Becker künftig nicht.

Als er 2006 Werkleiter in Kassel wird, gilt er in den Reihen der Arbeitnehmer als „harter Hund“, der auch schon mal einem Vorstand sagt, was technisch möglich ist. Nicht jeder ist begeistert, als er sich vorstellt. Man kennt den gebürtigen Borkener aus seiner Zeit als Leiter der Gießerei am Standort.

2006 machen bundesweit über alle Branchen Werke dicht – im Januar schließt das AEG-Werk in Nürnberg. Um das VW-Werk in Baunatal ist es schlecht bestellt. In Wolfsburg wird laut darüber nachgedacht die Abgasanlagen abzuwickeln. Zu der Zeit kommt Becker und will, dass das Werk wettbewerbsfähig wird. Becker verlangt damals viel, verspricht aber die Zahl der Belegschaft konstant zu halten – und hält Wort.

„Die Überwindung der schwersten Krise der Komponentenwerke wurde zur Erfolgsgeschichte des Werkes Kassel mit Becker an der Spitze“, zieht Alt-Betriebsrats-Chef Jürgen Stumpf Bilanz. Derzeit arbeitet er für den Konzernbetriebsrat in USA.

„Das haben Jürgen Stumpf und ich gut hingekriegt. Allein hätte ich das nicht geschafft.“

„Normalerweise ist es ein Schlag ins Gesicht des Betriebsrates, wenn man mit der Ankündigung antritt, die Produktivität um 30 Prozent zu erhöhen. Das hätte auch bedeuten können, dass ein Drittel der Leute gehen muss. Wir haben die Leute mitgenommen. Das haben Jürgen Stumpf und ich gut hingekriegt. Allein hätte ich das nicht geschafft“, sagt Becker. Stumpf, selbst noch frisch im Amt, sieht in Beckers Plänen eine Chance für den Standort.

Ist sich aber selbst nicht sicher, wie die Belegschaft denkt und setzt auf Befragungen der Vertauensleute. Letztlich kommt das Okay für diesen Weg aus der Belegschaft. Das bedeutete für die nächsten Jahre: Qualität rauf, Kosten runter, Verschwendung vermeiden, Leerlauf abstellen.

Februar 2007: Um VW-Vorstandschef Martin Winterkorn zu überzeugen, zog Werkleiter Becker alle Register – und stieg in eine Druckgussmaschine. Foto: VW

Konkret hieß es: Workshops, Simulationen von Maschinenstraßen aus Pappe – damals neu, heute Standard im Konzern –, verbesserte Logistikkonzepte, ergonomische Arbeitsplätze, aber auch die Aktion, dass Lieferanten mit den Fremdfabrikaten nicht aufs Werksgelände sollten. Wie es um die Produktivitätssteigerung nun bestellt ist, bleibt offen. Bei 50 Prozent habe man aufgehört zu rechnen.

Letztlich sei es der respektvolle Umgang – ohne Kumpanei – gewesen. Stumpf: „Es ist uns gelungen, gemeinsame Ziele zu entwickeln, mit der Belegschaft zu verabreden und durchzusetzen.“

Von 1992 bis 2002 leitete Becker die Gießerei am Standort. Er ist überzeugt, dass leichtere Fahrzeuge wichtig sind, um den CO2-Wert zu senken. 1996 lernt Stumpf ihn kennen. Es geht um Fragen der Arbeitssicherheit. Becker will weiße Arbeitskleidung in der Gießerei. Wer aber einmal dort war, weiß, dass dort nach einer halben Schicht nichts mehr weiß ist. „Damals habe ich gedacht, was ist das denn für ein Vogel“, sagt Stumpf. Im Grunde genommen habe Becker schon damals die Vision, dass die Produktion sauberer werden muss. Denn das motiviert zum Arbeiten.

Das wichtigste für den Standort Baunatal sind die Getriebe. Aber nicht minder bedeutend ist die Gießerei des Werkes. Sie liefert 40 Prozent aller Gussteile für den Konzern. Becker hängt an ihr. Schlimm wurde es im Februar 2009: „Als ich von Borken über den Hügel kam und die Rauchsäule über dem Werk gesehen habe, da dachte ich, das Werk brennt. Ich hatte gerade in Kassel angefangen und nun brennt mein Werk – da hatte ich Tränen in den Augen. Ich habe mir gewünscht, dass alle Mitarbeiter so denken, dass es ihr Werk ist.“ Gebrannt hat es damals auf einem Lagerplatz für Magnesiumschrott.

34 Jahre hat Becker in unterschiedlichen Positionen für den Wolfsburger Autokonzern gearbeitet. „Wenn ich im Werk Geld ausgegeben habe, dann habe ich mich immer gefragt, ob ich so auch mit meinem eigenen Geld umgehen würde. Das war mir bei meinen Entscheidungen wichtig.“

Becker hinterlässt einen Standort, der für die Zukunft gut gerüstet ist: Er hat das Team der Entwickler von vier auf 250 im engeren und an die 500 im erweiterten Kreis aufgestockt. Es ist ihm gelungen, die Fertigung für den e-Antrieb und für Hybridgetriebe nach Kassel zu holen, mit dem DQ 381 wird auch das Nachfolgemodell für das Volumengetriebe DQ 250 am Standort gebaut. Damit ist im Werk auf Jahre für Auslastung gesorgt. Er hat für ein Getriebe-Prüffeld gesorgt, die Gießerei ausgebaut. Stumpf beschreibt es so: Becker habe mit dem Management Fachwissen und viel Durchsetzungsfähigkeit eingebracht, der Betriebsrat den Rückhalt, das Vertrauen der Belegschaft und die Expertise für Veränderungsprozesse.

„Wenn man was erreichen will, muss man ein Risiko eingehen. Das ist wie eine Gratwanderung auf einem Berg, bei der man abstürzen kann. Wer nichts riskieren möchte, der verlässt die ausgetretenen Wege im Tal nicht“, sagt Becker. In seiner abgegriffenen Kladde auf dem Schreibtisch sind noch viele Seiten leer.

Von Martina Wewetzer

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