Wannenbad und Kühlhaus

Ältestes Dorfgemeinschaftshaus im Landkreis brachte Luxus ins Dorf

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Zeitzeugen erinnern sich: Justus Käse (von links), Kurt Kümmel und Dieter Diegeler haben Bau und Entwicklung des Dorfgemeinschaftshauses (im Hintergrund) hautnah miterlebt.

Baunatal. Die Bevölkerung wird auch in Kirchbauna älter. Man arbeite deshalb in Baunatal an einem Projekt der Nachbarschaftshilfe, sagt Kurt Kümmel. Da wäre wohl das Dorfgemeinschaftshaus die erste Wahl, um die Unterstützung von Senioren in ihrem Alltag zu organisieren.

Das älteste Gemeinschaftshaus im Landkreis Kassel war von Anfang an ein Symbol für Gemeinsinn, gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt. Der Kirchbaunaer Kümmel, langjähriger Kommunalpolitiker und Hobby-Heimatforscher, hat es noch selbst erlebt.

Der Bau des Dorfgemeinschaftshaus 1953 steht für einen einzigartigen Kraftakt der Kirchbaunaer, um die wirtschaftliche Not nach dem Zweiten Weltkrieg zu überwinden: Geld war knapp, Einheimische mussten sich den Wohnraum mit vielen Kriegsflüchtlingen teilen, die sich nach einer Gemeinschaftseinrichtung in der neuen Heimat sehnten. Die Gemeinde war arm, gerade mal 32.000 DM (16.000 Euro) standen im Haushalt. Das Gemeinschaftshaus sollte 163.000 DM (rund 82.000 Euro) kosten. Es war klar, dass der Bau trotz der Zuschüsse vom Land und dem Landkreis ohne viel Eigenleistung keine Chance hatte.

Doch der damalige Bürgermeister Wilhelm Diegeler wusste, dass die Dorfbewohner mitanpacken würden. Das hatten sie schon einige Jahre vorher unter Diegelers Vorgänger Wilhelm Kümmel bewiesen, als sie mit Hacke und Schaufel einen kilometerlangen Graben für den Bau einer Wasserleitung gruben. Beim Hausbau war das Engagement wieder groß. Sie leisteten 6000 freiwillige Arbeitsstunden. Kurt Kümmel (77) und Justus Käse (72), Vorsitzender der Vereinsgemeinschaft, erinnern sich noch gut an die Ketten von Helfern, die die Ziegel aufs Dach schafften.

Nach der Einweihung genossen die Kirchbaunaer ungewohnten Luxus, der ihren Alltag erleichterte. Es gab Wannenbäder, eine Bücherei, ein Kühlhaus, eine Mosterei, eine Wäscherei, eine große Küche, eine Metzgerei und eine Krankenschwester, die auch Hausbesuche machte.

Der Hausarzt sei damals mit dem Rad aus Altenritte gekommen, erzählt Kümmel. „Wir haben vor dem Wannenbad Schlange gestanden“, erinnert sich der 77-Jährige. Das kostete 50 Pfennig. Hinterher gab es die Abkühlung. Kümmel und Käse holten aus dem minus 18 Grad kalten Kühlraum den Sonntagsbraten für ihre Familien. Käse hat seine Silberhochzeit im Dorfgemeinschaftshaus gefeiert.

Dieter Diegeler (66), Sohn des früheren Bürgermeisters Wilhelm Diegeler, feierte dort seine Hochzeit. Voller war es wohl nur 1954, als die Kirchbaunaer Dorfgemeinschaft vor dem Fernseher im DGH mit der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM mitfieberte.

Das älteste Gemeinschaftshaus im Landkreis Kassel war von Anfang an ein Symbol für Gemeinsinn, gegenseitige Hilfe und Zusammenhalt. Der Kirchbaunaer Kümmel, langjähriger Kommunalpolitiker und Hobby-Heimatforscher, hat es noch selbst erlebt.

Von Peter Dilling

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