Weibliche Genitalverstümmelung war Thema beim Frauenempfang des Kreises

Setzen sich für Frauen ein: Vizelandrätin Susanne Selbert (von links), die Soziologin Dr. Mariame Racine Sow, die Frauenbeauftragte des Landkreises Anna Hesse und der Gynäkologe Dr. Christoph Zerm. Foto: Schippers

Kreis Kassel. Schätzungsweise 150 Millionen Frauen weltweit müssen die Verstümmelung ihrer Genitalien erleiden. Auch in Europa sind Mädchen und Frauen von dem qualvollen Ritus bedroht.

Die zunehmende Migration verschärft das Problem auch bei uns. Doch darüber gesprochen wird kaum. Beim Frauenempfang des Landkreises stand das Tabu-Thema im Mittelpunkt des Abends.

Während des Vortrags vom Gynäkologen Dr. Christoph Zerm herrschte absolute Stille im Saal des Hermann-Schafft-Hauses in Kassel. Die 160 Teilnehmerinnen hörten dem Mediziner aus dem nordrhein-westfälischen Herdecke aufmerksam zu, als er über die verschiedenen Typen der weiblichen Genitalbeschneidung referierte. Seine Schilderungen und besonders die Fotos, die er zeigte, sorgten für stilles Entsetzen bei den Frauen im Saal.

Vier Typen der Beschneidung würden unterschieden, berichtete Zerm. Der Frauenarzt engagiert sich seit vielen Jahren im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung und behandelt betroffene Frauen. Bei Typ I werde die Klitoris entfernt. „Bei einem Mann wäre das mit der Amputation des Penis gleichzusetzen“, erklärte Zerm. „Bei Typ II werden zusätzlich die Schamlippen entfernt. Das würde für den Mann die Entfernung des Hodensacks bedeuten“, führte der Frauenarzt weiter aus. Typ III, die sogenannte Infibulation, gilt laut Zerm als extremste Form der Verstümmelung. „Dabei werden zusätzlich die Schamlippen zusammengenäht und die Vagina fast verschlossen“, erklärte der Referent. Nur eine kleine Öffnung für Urin und Blut bleibe. Typ IV umfasst laut Zerm alle weiteren schädigenden Eingriffe. Dazu zählten beispielsweise der Einschnitt und Einriss der Klitoris, ihr Ausbrennen sowie ihre Verätzung.

Auch die Umstände, unter denen die Beschneidungen stattfinden, schilderte der Mediziner: Unter unhygienischen Bedingungen in einer Hütte oder auf dem Feld, oftmals mit einem Konservendosendeckel oder einer Scherbe als Klinge, die nicht gereinigt, geschweige denn desinfiziert werden. Nahtmaterial gibt es nicht, es werden oftmals Dornen verwendet.

Die Folgen der Verstümmelung reichen von Blutungen, Infektionen, Schwierigkeiten bei der Geburt oder Sterilität bis hin zum Tod. Schätzungsweise ein Viertel aller Mädchen stirbt nach dem Eingriff, so Zerm. Und so nennt er die Betroffenen auch nicht Opfer, sondern Überlebende. Sie hätten oftmals lebenslang Schmerzen. Die psychischen Folgen seien vergleichbar mit dem Trauma einer Vergewaltigung. Darüber reden könnten die betroffenen Frauen nicht, das Thema sei tabu. „Für die Frauen ist es ein Leiden im Stillen“, sagte Zerm.

Das bestätigte auch die Soziologin Dr. Mariame Racine Sow. Sie stammt gebürtig aus dem Senegal und ist selbst eine Überlebende. Heute lebt sie in Frankfurt am Main und engagiert sich im Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung. „Ich versuche den Frauen zu vermitteln, dass sich die Gesellschaft und die Rolle der Frau darin geändert hat. Dementsprechen müssen sich auch die Traditionen ändern. Beschneidung hat heute nicht mehr dieselbe Bedeutung. Also warum sollte man sie noch durchführen?“, fragte Sow.

Von Nicole Schippers

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