Mit 660 Weinstöcken fing es an

Tropfen vom Kammerberg: Horst Kramer ist seit 27 Jahren Hobby-Winzer

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Weinanbau am Kammerberg: Horst Kramer zwischen seinen Rebstöcken. Die Lese ist bereits abgeschlossen. Im Hintergrund ist die Wohnbebauung zu sehen.

Ahnatal. Horst Kramer erinnert sich genau. Es war an einem Tag im September 1986, die Sonne schien. Der gelernte Müller schaute auf den Kammerberg und dachte: „Hier muss ein Weinberg hin.“

Er fand ein geeignetes Hanggrundstück westlich der Wohnbebauung und legte mit einigen Kollegen los. Ein in diesen Breiten seltenes Hobby nahm seinen Anfang.

Auf einer Fläche von 700 Quadratmetern wurden 660 Weinstöcke gepflanzt. „Es werden jedes Jahr weniger“, sagt der 74-Jährige, der den Weinberg inzwischen allein pflegt. Nachpflanzen lohne nicht, „weil es sieben Jahre braucht, bis ein Stock trägt“.

Die ersten Erfahrungen als Hobby-Winzer machte Kramer, in einem kleinen Weinberg an seinem Wohnhaus, als es ihn beruflich an den Main nach Südhessen verschlug. Tipps holte er sich von Berufs-Winzern. „Die sind so freundlich da unten, auch wenn man als Fremder kommt“, sagt der Rentner. Zu einigen hat er bis heute Kontakt.

Zurück in Nordhessen, dem gebürtigen Vellmarer hatte der Bruder eine Wohnung in Ahnatal besorgt, dann der Weinberg am Kammerberg. Für Pflanzungen und Schnitt der Stöcke habe er viel Fachliteratur zurate gezogen.

Im dritten Jahr sei einer seiner Winzerfreunde aus Rheinhessen nach Ahnatal gekommen und habe ihm gezeigt, wie er mit seinen Weinstöcken umzugehen habe. Lange her und jedes Jahr habe er ein anderes Pflanzenbild vor sich. Also experimentierte Horst Kramer. „Man muss immer was probieren, sonst klappt es nicht.“

So pflanzte er auf seinen Berg im Norden Hessens auf 260 Meter Höhe neben rotem Dornfelder und Spätburgunder Weißwein der Sorten Baccus, Müller-Thurgau, Kerner und auch Riesling. Von diesen hatte ein Winzer-Freund in den ersten Jahren abgeraten. Horst Kramer erfuhr warum: „Die Trauben wurden nicht reif.“

1993 dann ein Lichtblick. Der gemessene Zuckergehalt der Trauben war im Spätsommer vielversprechend. Der Hobby-Winzer holte sich per Telefon Rat in Rheinhessen. Dieser lautete: „Mach Eiswein.“ Kramer wickelte die Stöcke zum Schutz ein, wartete eine Frostperiode von mindestens sieben Grad minus auch am Tag ab. Ende November wurden die Trauben gelesen und gekeltert. Am Ende hatte er 20 Flaschen Eiswein, eine besitzt er noch heute und hält sie in Ehren. Denn Eiswein macht er nie wieder, „viel zu aufwendig“.

Riesling-Trauben mit ausreichendem Zuckergehalt gibt es seit Jahren. „Da macht sich die Änderung im Klima bemerkbar“, sagt der 74-Jährige. Ingesamt 1000 Liter („in guten Jahren 1500 Liter“) trockene und halbtrockene Weine sind die Ausbeute des Ahnataler Weinbergs. Getrunken werden die Tropfen von Freunden und Gruppen, die Horst Kramer im Sommer am Weinberg mit kleiner Hütte oder in seinem Haus besuchen, um sich dessen Hobby erklären zu lassen.

Der Weinbau nimmt viel Zeit in Anspruch. Seit 27 Jahren verbringe er jede freie Minute im Weinberg oder bei sich zu Hause, wo er weitere 50 Stöcke habe, sagt Horst Kramer. Ende Februar / Anfang März werden die Stöcke beschnitten und vor dem Austrieb gegen Mehltau gespritzt.

Dies muss auch kontinuierlich übers Jahr alle zehn Tage bis 35 Tage vor der Lese im Herbst erfolgen, sagt Kramer. Denn man müsse der Krankheit vorbeugen, einmal ausgebrochen, könne man sie nicht mehr heilen.

Im Frühjahr werden Pfähle erneuert und Drähte neu gespannt. An diese müssen die wachsenden Rebstöcke gebunden werden.

Rasen mähen am Berg und die Stöcke nachschneiden sowie nach der Blüte schlechte Trauben entfernen, sind weitere Aufgaben. Wilde Triebe müssen das ganze Jahr über ausgebrochen werden. Es sei wichtig, „dass der Weinberg gepflegt aussieht“, sagt der Rentner.

Mitte / Ende September fange die Lese, also das Ernten der Trauben an. Gern würde er länger warten, um höheren Zuckergehalt zu bekommen. Nur müsse er den Waschbären und Amseln zuvorkommen. „Die fressen reihenweise die Trauben ab. Das ist für mich mit den paar Stöcken ein hoher Verlust“, sagt Kramer.

Gekeltert (auspressen der Trauben) und ausgebaut (von der Gärung bis zur Abfüllung in Flaschen) wird der Wein im Wohnhaus des Hobby-Winzers. (mic)

Hintergrund: Rebstöcke im Landkreis Kassel

Dem Beispiel von Horst Kramer, der seit 1986 Wein am Kammerberg in Ahnatal anbaut, folgten andere im Landkreis Kassel. 1997 pflanzten Mitglieder des Gebirgs- und Heimatvereins Kaufungen Weinstöcke auf einer Fläche am Steinertsee. Und in Immenhausen starteten Hobby-Winzer Reinfried Reiser und Wolfgang Rüdiger 1999 den Weinanbau.

Von Michael Schräer

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