Mauerbau verhinderte 1961 Brandt-Besuch in Oberkaufungen

Als Willy nicht kam

Kaufungen. Als die Gemeindevertreter des damals noch eigenständigen Dorfes Oberkaufungen beschlossen, die kleine Verkehrsinsel hinter der Lossebrücke Richtung Nieste Berliner Platz zu nennen, ahnten sie nicht, was sich im August 1961 in der alten Hauptstadt abspielen würde. Der schlichte Gedenkstein mit dem Bären als Wappentier darauf sollte eigentlich nur daran erinnern, dass die Besatzungsmächte Berlin in vier Zonen aufgeteilt hatten.

Hinzu kamen die Wappen der ostdeutschen Städte Leipzig, Halle und Magdeburg. Sie sollten den Oberkaufungern die deutsche Teilung in Erinnerung rufen, und die Tatsache, dass diese Städte nunmehr hinter dem Eisernen Vorhang im zweiten deutschen Staat liegen. Die Abkürzung DDR wurde seinerzeit noch in Anführungszeichen gesetzt, „die Zone“ war der gebräuchlichere Begriff für das sozialistische Staatsgebilde. Die Eröffnung des Berliner Platzes terminierte die Gemeinde für den 5. September 1961. Die Zeremonie sollte der Höhepunkt der Heimat- und Kulturwoche werden. Als prominenter Gast hatte sich kein Geringerer angekündigt als der Regierende Bürgermeister Berlins, Willy Brandt. Der Sozialdemokrat - so sah es das Programm vor - würde den Gedenkstein enthüllen.

Doch daraus wurde nichts. Schuld daran war der Mauerbau am 13. August. Als die Welt auf Berlin schaute und die Lage zu eskalieren drohte, wurde der Termin in der nordhessischen Provinz kurzerhand gestrichen. Die Oberkaufunger sahen Willy Brandt in jenen Tagen nicht leibhaftig, sondern nur in der Kino-Wochenschau oder sie verfolgten sein Tun an den noch wenigen Fernsehgeräten.

Zinn weihte Platz ein

Der Berliner Platz wurde am 5. September 1961 trotzdem eingeweiht - und zwar von Hessens Ministerpräsident Georg August Zinn (SPD). 1970, also ein knappes Jahrzehnt später, kam Willy Brandt als Bundeskanzler erneut nach Nordhessen. In Kassel traf er sich mit DDR-Ministerpräsident Willy Stoph. Der Ertrag des Treffens blieb überschaubar.

Während nach dem berühmten Brandt-Zitat längst zusammenwächst, was zusammengehört, hat sich am Berliner Platz in Oberkaufungen kaum etwas verändert. Der verwitterte Stein erinnert am Straßenrand noch immer an die Teilung Berlins und Deutschlands.

Von Peter Ketteritzsch

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