23-Jähriger mit Kette geschlagen

Urteil zu Selbstjustiz: „Wir sind hier nicht im Wilden Westen“

Kassel/Vellmar. Wer das Geld genommen haben musste, meinte die Fünfergruppe zu wissen, als sie am 1. Mai 2011 zu ihrer wirren Selbstjustiz-Tour durch Vellmar aufbrach.

In die Wohnung der einzigen Frau aus der Runde war gerade eingebrochen worden. Nun beklagten sie und ihr Freund den Verlust von 2000 Euro, die für einen Urlaub angespart worden seien. Dass die Gruppe nicht die Polizei rief, sondern den verdächtigten jungen Mann überfiel und bedrängte, das Geld herauszurücken, brachte den ältesten drei der fünf jungen Leute nun eine Verurteilung ein: Wegen gefährlicher Körperverletzung in Tateinheit mit Nötigung.

28-Jährige als Antstifterin

Die 28-jährige Frau, die nach Überzeugung des Amtsgerichts bei der Tat federführend war, wurde zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt. Ihr wurde zur Auflage gemacht, ein Netto-Monatsgehalt von 1200 Euro an die Baunataler Diakonie zu zahlen. Sie ist vorbestraft, aber bislang nicht wegen aggressiver Taten.

Ein 24 Jahre alter Kasseler wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten auf Bewährung verurteilt. Auch er soll ein Netto-Monatsgehalt - 900 Euro - an die Diakonie zahlen. Sein Vorstrafenregister war leer. Ein bislang nicht vorbestrafter 27-Jähriger aus Lohfelden wurde zu einer Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu zehn Euro verurteilt. Bei ihm hatte das Gericht den geringsten Tatanteil und später das reuevollste Verhalten gesehen.

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die 28-Jährige und ihre Begleiter den verdächtigten jungen Mann vor seiner Haustür stellten. Der heute 23-Jährige aus Vellmar sei niedergeschlagen worden, dann habe die heftig aufgebrachte 28-Jährige ihn mit seiner eigenen Halskette ins Gesicht geschlagen. Anschließend aber - wohl auf Hinweis des Vellmarers - lenkte sich der Verdacht auf einen Jugendlichen. Die Gruppe fuhr nun zu dessen Wohnung in Frommershausen. Der 23-Jährige Velmarer musste mitkommen. Vor Ort traf man aber nur die Mutter des neuen Verdächtigten. Als diese drohte, die Polizei zu rufen, trollte sich die Gruppe mit dem ersten Verdächtigten im Schlepptau.

Noch ein weiterer junger Mann, den man wohl für einen Mitwisser hielt, wurde heimgesucht. Ihm soll die Frau mit dem malträtierten Gesicht des 23-Jährigen gedroht haben: Wenn er nicht aufpasse, sehe er bald auch so aus. Die 28-Jährige beteuert allerdings, niemand habe überhaupt geschlagen.

„Selbstjustiz funktioniert nicht“, betonte Richterin Schiborr in der Urteilsbegründung. „Wir sind hier nicht im Wilden Westen.“

Der 23-jährige Vellmarer und der ebenfalls von der Gruppe verdächtigte Jugendliche sind inzwischen angeklagt. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Jüngeren vor, Schmiere gestanden zu haben, während der Ältere bei der 28-Jährigen einbrach. Ende August müssen sich die beiden vor dem Jugendrichter verantworten.

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