Nur Modehaus Döring und Eiscafé da Carlo von den Gründern noch übrig

Wandel am Rathausplatz Vellmar: „Wir sind die letzten Mohikaner“

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Baubeginn für die Einkaufspassage: Vorne rechts, wo der Lkw steht, zog später das Modehaus ein, oben links unterhalb des runden Grillzentrums das Eiscafé.

Vellmar. „Früher waren wir Pioniere, heute sind wir die letzten Mohikaner“, scherzt Carlo Capraro (64). Der Mann aus der Wein-Region Conegliano bei Venedig ist zusammen mit Ehefrau Renza (59) und Rainer Döring (69) vom gleichnamigen Modehaus der Einzige, der am Vellmarer Rathausplatz von den Geschäftsleuten der Gründergeneration noch übrig geblieben ist.

Sie haben den Strukturwandel im Stadtzentrum mit seinen zurzeit 40 Geschäften überdauert. Heute auf den Tag vor 35 Jahren wurde die damals moderne Einkaufspassage mit zunächst 14 Läden eröffnet, während am angrenzenden Rathaus noch gebaut wurde. „Die Passage war damals völlig neu für Kassel-Nord und die Region“, erzählt Rainer Döring im Rückblick.

Heute wird im Zuge des Masterplanes, der Vellmar fit für die Zukunft machen soll, über einen Abriss oder zumindest einen grundlegenden Umbau der Passage diskutiert.

„Die Einkaufspassage war damals völlig neu für Kassel-Nord und die Region.“

Rainer Döring

Das lag im November 1977 noch in weiter Ferne. Carlo, damals 29 Jahre alt, ist mit seinem neuen Eiscafé „da Carlo“ bei der Eröffnung des Einkaufszentrums dabei. Er ist für einen schwer erkrankten Freund eingesprungen und hat seine kleine Eisdiele in Oberkaufungen aufgegeben, um nach Vellmar zu gehen. Chrom und funkelnder Edelstahl, modernste Maschinen, das Café-Team in weißen Jacken und der Chef sogar mit Krawatte - das beeindruckt die Vellmarer. „Wir hatten einen goldenen Herbst und erlebten einen Ansturm“, erinnert sich Renza Capraro, die auch heute noch ihren Kuchen selbst backt.

Auch für Einzelhändler Rainer Döring lohnt sich 1977 das Risiko, von der Bahnhofstraße an den Rathausplatz zu ziehen, der kurz zuvor noch grüne Wiese war, auf der Kühe weideten. „Hier liegt die Zukunft“, sagt er sich mit Blick auf das entstehende Stadtzentrum, als er seinen Mietvertrag unterschreibt. Und er behält recht: „Schon im ersten Jahr machte ich 30 Prozent mehr Umsatz.“ „15 bis 20 Jahre lang blieb die Gruppe der Gründer stabil“, erinnert sich Renza Capraro. Dann setzte der Generationenwechsel ein.

Heute steht die Einkaufspassage am Scheideweg. Noch funktioniert sie, noch stemmt sich der Oldtimer gegen die Trends von mehr Fläche und größerer Warenvielfalt. Und das - noch - mit Erfolg. Nur gerade mal einen Leerstand kann Eigentümer Robert Aschoff aktuell ins Feld führen.

Dass modernisiert werden muss, weiß aber auch Rainer Döring: „Da muss was passieren.“ Das zeigt: Die einstigen Pioniere des Rathausplatzes haben auch als die letzten Mohikaner ihren Realitätssinn nicht verloren.

Von Stefan Wewetzer

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