Fast 4000 Kinder und Jugendliche im Landkreis Kassel wachsen in Armut auf

Not wird meist versteckt

Schwieriger Start: Eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Säugling. Die ersten Monate können zur Überforderung werden, wenn die Unterstützung durch die Familie fehlt. Archivfoto: dpa

Kreis Kassel. Armut hat viele Gesichter, doch die Scham der Betroffenen ist meist groß, und so wird die Not vor der Öffentlichkeit versteckt. Um die Anonymität zu wahren, beschreiben wir hier Beispiele von Kindern und Jugendlichen mit ihren Familien, ohne Namen zu nennen:

Sie ist 28, alleinerziehende Mutter mit einem einjährigen Säugling, der Vater hat sich in die Türkei abgesetzt. Unterhalt zahlt er nicht, auch die Verwandtschaft will von der jungen Mutter mit ihrem Kind wenig wissen. „Ich schaffe das nicht mehr“, sagt die 28-Jährige, als sie bei der Beratungsstelle „Frühe Hilfen“ des Landkreises auftaucht. Geldprobleme, Schlafmangel, Isolation, die alleinige Verantwortung für das Kind rund um die Uhr – sie ist am Ende. Um ihren finanziellen Spielraum zu erhöhen, gewährt der Kreis ihr ergänzend zum Hartz-IV-Bezug einen Unterhaltsvorschuss.

Auch darüber hinaus versuchen die Sozialarbeiter, der jungen Mutter unter die Arme zu greifen. Der Versuch, eine Tagesmutter zu finden, scheitert jedoch. Denn der Kreis übernimmt nur den Regelsatz, doch dafür seien die meisten Tagesmütter nicht bereit zu arbeiten, berichtet Angela Graichen vom Fachbereich „Frühe Hilfen“ – einen privaten Finanzanteil kann die 28-Jährige aber nicht beisteuern.

Eine sozialpädagogische Familienhilfe sucht nun einen Platz zur U3-Betreuung, parallel dazu versucht sie mit der Alleinerziehenden, Kontakte mit anderen Müttern in ähnlicher Situation zu knüpfen.

Denn die 28-Jährige ist kein Einzelfall. Für fast 4000 Kinder und Jugendliche zahlt der Landkreis zwei oder mehrere Hilfeleistungen, sie gelten damit als arm.

Dass Armut nicht nur ein finanzielles Problem ist, zeigt sich bei dieser Familie: Ein 16-jähriger Junge wird in der Schule auffällig. Er bedroht andere Schüler und brüstet sich mit seinen – kleinen – Besitztümern. Sein Verhalten ist der Versuch, die für ihn unerträgliche Lage zu Hause zu überspielen: Die dreiköpfige Familie lebt an der Armutsgrenze. Die Mutter, Mitte 40, hat einen Vollzeitjob als geringbezahlte Verkäuferin; der Vater, Anfang 50, einen Minijob. „Die Familie würde aus Scham nie aufstocken, obwohl sie Anspruch darauf hätte“, berichtet Horst Winciers vom Bereich Soziales.

Der pubertierende Sohn leidet vor allem darunter, dass sein Vater in seinen Augen versagt, er rebelliert gegen das Familienoberhaupt. Ein ambulanter Jugendhelfer versucht nun, mit dem 16-Jährigen am Thema Männlichkeit zu arbeiten.

In manchen Familien, vor allem bei jahrelangem Hartz-IV-Bezug, blicken die Kinder noch hoffnungsloser in die Zukunft. „Ich habe mit zwölf schon gemerkt, dass sich Anstrengung nicht lohnt, da komme ich sowieso nicht raus“, zitiert Winciers einen Jugendlichen. Die Folgen sind häufig Schuleschwänzen, Diebstähle, Drogen- und Alkoholkonsum oder aggressives Verhalten.

Auch für den Kreis sind die Folgen gravierend: Sie bedeuten meist jahrelange Unterstützung und erhebliche Kosten. HINTERGRUND,

STICHWORT

Die nächste Folge beschäftigt sich mit der Situation von alten Menschen.

Von Holger Schindler

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