Der Bohrer wurde mit einem Fußpedal betrieben – Was es mit dem Dentisten auf sich hatte

Zum Zahnarzt ging’s mit Briketts

Ständchen für den Zahnarzt: Der Posaunenchor Großenritte spielte vor dem Haus von Kochs, der Familie unserer Autorin Ria Ahrend.

Baunatal. In unserem Ort, der über 4000 Einwohner zählte, hatten sich zwei Zahnärzte niedergelassen. Auch Bewohner der umliegenden Dörfer kamen zur Zahnbehandlung nach Großenritte.

Berufangabe „Dentist“

Mir war als Kind aufgefallen, dass außen an den Praxen die weißemaillierten Schilder verschiedene Berufsangaben aufwiesen. „Dentist“ war auf dem einen zu lesen, während auf dem anderen Schild die Berufsangabe „Zahnarzt“ stand.

Da ich, sei es nun wegen mangelnder Zahnpasta oder schlechter Zahnpflege, des öfteren den nicht leichten Weg in eine Praxis antreten musste, war es letztlich für mich einerlei, ob ich nun zum Zahnarzt ohne oder aber zum Zahnarzt mit Hochschulabschluss ging. Zahnschmerzen blieben Zahnschmerzen! Und die wurden in beiden Fällen immer behoben.

Später wurde die Bezeichnung Dentist auf dem Praxisschild auch in Zahnarzt geändert. Mein Herz schlug verständlicherweise immer etwas schneller, wenn ich die Treppe zur Praxis des Zahnarztes in der Bahnhofstraße hinaufstieg.

Im Wartezimmer bemerkte ich neben der Tür des Behandlungszimmers ein Schild mit deutlich lesbarer Schrift: „Zu jeder Behandlung ist ein Stück Holz oder ein Brikett mitzubringen!“ Das war für mich völlig neu! Den Behandlungsschein hatte ich zwar dabei, aber kein Brennmaterial. Insgeheim hoffte ich, dass der Zahnarzt mir wegen der fehlenden „Energiespender“ für den Ofen in seiner Praxis die Tür weisen würde.

Doch nichts dergleichen geschah, was ich in meinem kindlichen Herzen so sehnsüchtig wünschte. Er zeigte wohl Mitleid mit seiner kleinen Patientin und brachte meine Zähne wieder in Ordnung.

Im ersten Stockwerk des elterlichen Hauses waren größere Räume zum Vermieten freigeworden.

Für einen der Zahnärzte im Dorf war diese Etage wie geschaffen, sie als Praxis und zugleich auch als Wohnung zu nutzen. Er war kinderlos, und seine Ehefrau stand ihm bei seinen zahnärztlichen Behandlungen immer zur Seite. Nun hatte ich es gar nicht mehr weit.

Bohrer mit Fußpedal

Seine Patienten, die mutig oder ängstlich die Treppenstufen zum ersten Stock emporstiegen, wurden stets von mir bedauert. Kleinere Zahnreparaturen pflegte er nicht mit dem Elektrobohrer auszuführen, sondern er benutzte ein noch mit Fußpedal betriebenes „Bohrgestänge“ – ein Marterwerkzeug! Jedesmal, wenn er dann endlich seine Ehefrau herbeizitierte, wusste ich, er war mit dem Bohren fertig.

Die kleinen Zahnfüllungen wurden von ihr mit dem Spatel liebevoll zu Kügelchen geformt und von ihm verarbeitet. Anschließend erfolgten auf umständliche Art und Weise Eintragungen in ein Buch, das auf dem Schreibtisch lag, doch zuvor hatte er seiner Frau unmissverständlich klargemacht, dass im Augenblick in der Praxis nichts mehr zu tun sei. Mit einem kleinen Handklaps auf die Wange und einem neuen Termin wurde ich aus der zahnärztlichen Praxis entlassen. http://zu.hna.de/rtdTux

Von Ria Ahrend

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.