Plan soll im Frühjahr vorgestellt werden

Zehntausende Pendler betroffen: Die Auswirkungen einer Umweltzone in Kassel

Kreis Kassel. Was der neue Luftreinhalteplan für Kassel bringen wird, ist noch offen. Sicher ist: Kommt der Plan, wird das auch Folgen vor allem für den Altkreis Kassel haben.

Noch brütet das hessische Umweltministerium über dem von der Stadt eingereichten Vorschlag. Doch bereits im Frühjahr könnte der Plan schon vorgestellt werden. Dann wird – aller Voraussicht nach – von einer Umweltzone die Rede sein wie von Fahrverboten für Autos, die zu viele Schadstoffe ausstoßen.

Grund für die Auswirkungen auf den Altkreis Kassel sind die engen verkehrlichen Wechselbeziehungen zwischen Kassel und dem „Speckgürtel“ – allein 70.000 Berufspendler fahren jeden Tag mit dem Auto aus dem Umland nach Kassel und wieder zurück. Das ist viel angesichts der Tatsache, dass in Kassel noch regelmäßig der zulässige Grenzwert für die gesundheitsschädlichen Stickoxide – sie stammen zu zwei Dritteln aus Auspuffrohren – gerissen wird.

Landkreis sitzt mit im Boot

„Wenn in Kassel überhöhte Stickoxidwerte gemessen werden, dann hat das auch etwas mit dem Verkehr im und aus dem Landkreis zu tun“, sagt BUND-Vorstandsmitglied Professor Lutz Katzschner. Das sagt er nicht nur aus verkehrstechnischer, sondern auch aus umweltmeteorologischer Sicht. „Kassel und die großen Umlandkommunen liegen topographisch im Kasseler Becken“. Bei entsprechend statischen Wetterlagen ohne großen Luftmassenaustausch (Inversion) reicherten sich die Luftschadstoffe im Kasseler Becken an wie in einem Kochtopf – „und dann ist es egal, ob die Stickoxide aus dem Auto eines Kasselers oder eines Pendlers kommen“.

Lutz Katzschner

Nicht zuletzt aus diesem Grund begrüßt Katzschner die Einführung einer Umweltzone. Schon einmal, im Jahr 2009, hatte es solch einen Vorschlag gegeben. In diese Umweltzone waren sogar weite Teile Vellmars, Fuldatals, Niestetals, Lohfeldens, Fuldabrücks und Baunatals mit einbezogen. „Dieser Entwurf liegt bis heute wegen erheblicher Widerstände der Städte und Gemeinden auf Eis“, sagt Katzschner.

Deshalb rechnet Katzschner nun mit einer kleineren Umweltzone für Kassel, die jedoch die Autofahrer aus dem Landkreis genauso treffen wird. Denn: „Die Leute fahren ja weiterhin ins Zentrum – zum Einkaufen oder zu ihrem Arbeitsplatz“.

„Plakette macht Sinn“

Zwar gebe es noch keine Details, der Luftreinhalteplan für Kassel werde noch unter Verschluss gehalten. Doch Fakt sei: „Eine Umweltzone macht nur in Kombination mit einer Plakette Sinn – allein um ein Kontrollinstrument zu haben“, sagt Katzschner. Demnach werden nur noch Autos durch Kassel fahren dürfen, die bestimmte Abgaswerte nicht überschreiten. Käme die sogenannte Blaue Plakette, dürften nur noch Diesel-Fahrzeuge durch Kassel fahren, die der Euro-6-Norm entsprechen – das heißt, diese Fahrzeuge dürfen nicht mehr als 80 Milligramm Stickoxide pro gefahrenem Kilometer in die Luft blasen. Tatsächlich würde schon reichen, wenn alle Groß- oder Diesel-Pkw, die besonders viel Stickoxide ausstoßen, aus dem Verkehr herausfielen, sagt Katzschner. Aber auch zeitweilige Fahrverbote seien denkbar.

In jedem Fall solle weiterhin an verkehrlichen Alternativen festgehalten werden. „Bus, Bahn und Fahrrad“, sagt Katzschner. „Wenn wir saubere Luft haben wollen, werden diese drei Verkehrsmittel eine immer größere Rolle spielen müssen“. Auch mit Blick auf die Regionalplanung, zum Beispiel durch den Zweckverband Raum Kassel, müsse das Thema „schadstoffarmer Verkehr“ deutlich stärker berücksichtigt werden.

Zahlen und Fakten: Kfz-Verkehr im Landkreis und in Kassel

Die Menschen in der Region fahren gerne Auto. Das zumindest geht aus dem Zahlenmaterial des Verkehrsentwicklungsplans Kassel 2030 hervor. Demnach werden jeden Werktag mit Pkw und Lkw 6,79 Millionen Kilometer in Kassel sowie in den benachbarten Kommunen des Zweckverbandes Raum Kassel (ZRK) mit Ahnatal, Baunatal, Calden, Fuldabrück, Fuldatal, Kaufungen, Lohfelden, Niestetal, Schauenburg und Vellmar zurückgelegt. Das entspricht etwa der 169-fachen Umrundung der Erde. Diese Gesamtstrecke verteilt sich auf 641 200 Einzelfahrten, was eine gefahrene Durchschnittsstrecke von nur etwa 10,5 Kilometern ergibt. Gut 70 000 Berufspendler fahren jeden Werktag aus dem Umland nach Kassel.

Schaut man auf den innerstädtischen Verkehr, werden allein in Kassel jeden Tag 533 000 Strecken gemacht – entweder zu Fuß, mit dem Bus oder der Bahn, mit dem Fahrrad oder mit dem Auto (1,2 Millionen Strecken im gesamten ZRK-Gebiet). Dabei liegt der Anteil der Autofahrten in Kassel bei 43 Prozent (64 Prozent im ZRK-Verbandsgebiet.

Davon sind in Kassel wiederum etwa 80 Prozent lediglich Kurz- oder Mittelstreckenfahrten, also Fahrten mit Längen etwa zwischen fünf und 20 Kilometern. Bei Strecken bis zu einem Kilometer legen die meisten Kasseler den Weg zu Fuß zurück. Aber trotzdem nutzt selbst dann noch jeder Siebte sein Auto. 

Rubriklistenbild: © Koch

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