Regionalmuseum zeigt Ausstellung „Krieg im Dorfleben – Dorfleben im Krieg“

Zeugnisse aus schwerer Zeit

Erzählte von ihren Erinnerungen an den Krieg: Die 82-jährige Lisa Eiling (links) zeigte Museumsleiterin Ulla Merle den Katzentisch (vorne links), an dem der Kriegsgefangene Joseph im Haus ihrer Eltern Platz nehmen musste. Ihre Geschichte ist neben vielen anderen bis zum Frühjahr in der Ausstellung im Regionalmuseum Alte Schule Kaufungen nachzulesen. Fotos: Helga Kothe

Kaufungen. Im Regionalmuseum Alte Schule Kaufungen wird bis zum Frühjahr 2014 die Ausstellung „Krieg im Dorfleben – Dorfleben im Krieg“ gezeigt.

„Die Kriege des 20. Jahrhunderts haben die Erfahrung unserer Eltern oder Großeltern einschneidend geprägt, sowohl die der Soldaten wie die der Zivilisten daheim. Mit dieser Sonderausstellung soll der Rolle des Krieges im Dorfleben nachgegangen werden“, sagte Museumsleiterin Ulla Merle bei der Eröffnung.

Viele Menschen aus Kaufungen haben im Vorfeld ihre Erinnerungen geschildert. Eine von ihnen ist Lisa Eiling. „Halte dir stets vor Augen, dass der Feind der Feind bleibt.“ Diesen Satz hatte man ihrer Familie eingebläut, bevor der belgische Kriegsgefangene Joseph 1942 auf den Hof kam, um bei der Bewirtschaftung zu helfen.

Kriegsgefangener am Tisch

„Die Kriegsgefangenen sollten nicht mit am Tisch sitzen, sondern einen Extratisch in der Küche haben“, erzählt die 82-Jährige. „Am Anfang musstest du das so machen, es wurde ja nachgeguckt. Aber hinterher wurde unser Joseph in die Familie integriert.“

Joseph war Anfang 20, als er nach Kaufungen kam. Tagsüber arbeitete er auf dem Hof, nachts schlief er im Lager. „Joseph, der war richtig unser Junge. Als mein Bruder August auf Fronturlaub war, da haben die Jungen zusammen gearbeitet“, sagt Eiling, die damals zwölf war. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter sagte: „Guck dir doch die beiden Jungen an, wie gut die sich verstehen, und im Krieg schießen sie sich gegenseitig tot – und keiner weiß warum.“

„Wenn man es nicht erlebt hat, kann man sich nicht vorstellen, wie schlimm es war“, sagt die heute 82-Jährige. Dies der jungen Generation näher zu bringen, war für viele der an der Ausstellung Beteiligten eine Herzensangelegenheit.

„Es war eine harte und schmerzliche Arbeit. Schließlich wurden Dinge aus einer Schublade gekramt, die 70 Jahre geruht haben“, sagt Museumsleiterin Merle. Sie zeigt auf Postkarten, die junge Männer von der Front geschickt haben: „Teile Dir mit, dass es mir bis jetzt noch gut geht.“ Drei Wochen später hielt die Familie die Todesanzeige in den Händen.

„Meine Generation kennt Krieg nur aus Erzählungen, Literatur und Fernsehen“, sagt Kaufungens Bürgermeister Arnim Roß (SPD). Für ihn ist die Ausstellung Erinnerungs- und zugleich ein Stück Friedensarbeit: „Sich an die Geschichte zu erinnern und sich mit ihr auseinanderzusetzen, ist eine entscheidende Voraussetzung für die Gestaltung einer besseren Zukunft.“ (pke)

Regionalmuseum Alte Schule Kaufungen, Schulstraße 33, Tel. 0 56 05/8020. Öffnungszeiten: Sonntag 10 bis 17 Uhr; Mittwoch, Donnerstag und Samstag: 14 bis 17 Uhr; Montag, Dienstag und Freitag geschlossen.

Von Helga Kothe

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