Führerscheinprüfung in der Nachkriegszeit und ein Überraschungsbesuch bei der erschrockenen Tante

Mit Zöpfen auf dem Motorrad

Alter Markt in Gudensberg: Hier absolvierte Ria Ahrend 1951 die Prüfung für ihren Autoführerschein. Fotos: Sammlung Ahrend/nh

Baunatal. Den Führerschein besitze ich seit 1951. Ich hatte gerade meinen 16. Geburtstag gefeiert. Heißbegehrt war er schon immer, nicht erst in der heutigen Zeit.

Nach einer mündlichen Prüfung beim Ortspolizisten erhielt ich für die Klasse IV den heißbegehrten „Lappen“, wie der Führerschein schon damals salopp genannt wurde. Er berechtigte mich, Motorräder bis zu 250 Kubikzentimeter (ccm) und Trecker zu fahren. Ein Foto war auch zu jener Zeit schon erforderlich, so dass mein Konterfei mich als 15-jähriges Mädchen mit Zöpfen zeigt.

Mein Vater verkaufte nach dem Krieg Motorräder aller Klassen, anfangs auch Mopeds, Mokicks und Motorroller. Daher wurde mein Interesse an einem Führerschein sehr früh geweckt.

Natürlich wollte ich nun auch mein Können unter Beweis stellen und eine kleine Fahrt mit einem Motorrad der 100er Klasse unternehmen. Gesagt, getan! Im Kleid, denn eine Motorradhose besaß ich damals nicht, schwang ich mich an einem schönen Sommertag auf eine gebrauchte „98er Viktoria“ und fuhr damit in Richtung Hertingshausen. Es bereitete mir sichtlichen Spaß, denn die Strecke war sehr kurvenreich. Als ich nun bei meiner Tante auf den Hof fuhr, kam sie schnell aus der Waschküche herbeigeeilt, da sie mich bereits durchs Fenster hatte kommen sehen. „Mein Gott!“ war zunächst einmal alles, was sie an Worten herausbrachte, denn der Schock war groß.

Dabei schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen. Sie konnte es gar nicht fassen und sagte: „Ganz allein bist Du gekommen? Fahre nur gleich wieder vorsichtig heim, hoffentlich passiert nichts!“

Ich fuhr die gleiche Strecke nach Hause zurück, muss aber auch eingestehen, dass ich froh war, wieder Heimatboden unter den Füßen zu haben.

Was hätte ich anstellen sollen, wenn unterwegs am Motorrad ein Defekt eingetreten wäre? Ich besitze das Original des Führerscheins von 1951 noch heute, in dem viele Änderungen eingetragen sind. Doch das alte Bild, das mich als 15-Jährige mit Zöpfen zeigt, ziert noch immer meinen Führerschein.

Von Ria Ahrend

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