Vor 40 Jahren

Zugunglück: 13 Menschen starben in Guntershausen

Zugunglück vor 40 Jahren in Guntershausen - ein Rückblick

Guntershausen. Eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte der Deutschen Bahn ereignete sich am 5. November 1973 bei Guntershausen: 13 Menschen starben dabei, über 65 Reisende wurden verletzt.

Um 14.29 Uhr prallte der D-Zug 973 „Ederland“ Richtung Frankfurt in einen vor dem Bahnhof wartenden Interzonenzug. Die 86 Tonnen schwere E-Lok (rechts im Bild) schob den letzten Wagen auf wenige Meter zusammen. Der D-Zug war die abschüssige Strecke von Rengershausen auf feuchten Gleisen trotz Zwangsbremsung wie auf Schlittenkufen gerutscht.

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„Ich war der Zweite am Unfallort“, sagt Helmut Norwig, hält einen Moment inne, so als kehre er zurück zum 5. November 1973. Auf seiner Terrasse am Streckweg sei er beim Fliesenlegen gewesen, erzählt er dann weiter. „Da hörte ich den Donner.“ Der heute 78-Jährige ist Zeitzeuge eines der schwersten Zugunglücke in der Geschichte der Deutschen Bahn. 13 Menschen starben am diesem Herbsttag vor 40 Jahren, als der D-Zug 973 „Ederland“ an der nördlichen Einfahrt zum Bahnhof Guntershausen auf den stehenden Interzonenzug 453 prallte.

Norwig, der selbst von 1955 bis 1997 Lokführer war, sprang von der Terrasse und rannte zu dem Unglücksort. Die Lok des zweiten Zuges, eine E 110, habe er schon von Weitem gesehen, erinnert sich Norwig. „Die ragte weit aufgerichtet in die Luft.“ Und das war passiert: Der Interzonenzug 453 musste etwa 1,2 Kilometer nördlich vom Bahnhof Guntershausen wegen Problemen an der Bremsanlage halten. Der Lokführer war noch mit der Untersuchung einer defekten Leitung befasst, als um genau 14.29 Uhr der folgende D-Zug 973 nach Frankfurt in den letzten Wagen donnerte.

Er war die abschüssige Strecke von Rengershausen aus auf feuchten Gleisen trotz Zwangsbremsung wie auf Schlittenkufen gerutscht. Der letzte Wagen des Interzonenzuges wurde durch die Wucht der 86-Tonnen-Lok in Sekundenbruchteilen wie eine Ziehharmonika auf wenige Meter zusammengeschoben. Neben 13 Toten gab es 25 Schwer- und 40 Leichtverletzte. „Zahlreiche Verletzte habe ich an den Fenstern gesehen“, so Norwig. „Aber keine Toten.“ Erst später seien diese von den Helfern nach und nach auf der anderen Zugseite aufgereiht worden.

„Einer nach dem anderen kam dazu.“ Direkt nach dem Unglück habe er auf die Lok gehen wollen, erinnert er sich. „Aber ich kam nicht da hoch.“ Der zweite Lokführer hatte sich vor dem Aufprall durch Rückzug in den Seitengang der Lok das Leben gerettet. „Den sah ich da oben.“ Der erste Lokführer blieb auf seinem Sitz sitzen und wurde vom Fahrerpult eingeklemmt. „Er starb auf dem Weg ins Krankenhaus.“ „Das war ein harter Tag für mich“, erinnert sich Norwig. Am nächsten Tag sei er zum Dienst gegangen. „Ich fuhr einen Güterzug nach Paderborn. Als ich auf die Lok ging, da haben mir die Hände gezittert.“

Von Sven Kühling

Zugunglück vor 40 Jahren in Guntershausen - ein Rückblick

Zug rutschte wie ein Schlitten

Experten forschten lange nach der Ursache

Viel spekuliert wurde nach dem Zugunglück über die Ursache. Die Experten, die die Unfallstelle untersuchten, machten schließlich einen gefährlichen Schmierfilm aus Laub, Schmutz und Nässe für die Rutschfahrt des zweiten Zuges verantwortlich. Trotz einer Zwangsbremsung war der D-Zug „Ederland“ mit einer geschätzten Geschwindigkeit von 60 km/h auf den stehenden Interzonenzug geprallt. Der Lokführer habe alles versucht, den Aufprall zu verhindern, hieß es damals. Experten entdeckten später eine 800 Meter lange Schleifspur auf dem Schienenstrang.

Sie gingen davon aus, dass die gebremsten Räder des Zuges auf den feuchten Gleisen blockierten und der Zug wie auf Schlittenkufen fast mit gleichbleibender Geschwindigkeit in Richtung des stehenden Zuges rutschte. Als Folge des Zugunglücks vor 40 Jahren fahren Spezialloks der Deutschen Bahn als sogenannte Laub-Loks regelmäßig über den Abschnitt zwischen Rengershausen und Guntershausen und reinigen die Schienen. Außerdem gilt in dem stark bewaldeten Abschnitt seither ein Tempolimit. (sok)

Veranstaltung der Volkshochschule zum Zugunglück mit dem Zeitzeugen Helmut Norwig am Dienstag, 5. November. Treffpunkt: 18 Uhr Gemeinschaftshaus Guntershausen, Lindenstraße 1.

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