Ehepaar Zimbardo hat Tagebuch des italienischen Zwangsarbeiters Ivo Michelini übersetzt

Zwei Eier für Haarschnitt

Auf den Spuren eines italienischen Zwangsarbeiters: Gerd Vogelsang (von links), Josef Purmann, Giovanni und Dagmar Zimbardo sowie Gerold Kunert werten die Aufzeichnungen von Ivo Michelini aus. Foto: Dilling

Helsa / Kaufungen. Schwere Arbeit, lange Märsche, oft zu wenig zu essen, Razzien im Wohnblock: Die 220 italienischen Zwangsarbeiter, die von 1943 bis 1945 im Lager Steinbach in Helsa-Eschenstruth interniert waren, hatten keinen leichten Alltag. Im Auftrag des Geschichts- und Heimatvereins Helsa hat das Kaufunger Ehepaar Dagmar und Giuseppe Zimbardo nun die Tagebuchaufzeichnungen eines der Zwangsarbeiter ehrenamtlich übersetzt: Ivo Michelini hatte Tag für Tag aufgeschrieben, wie es ihm in Eschenstruth erging.

Das Material hat Michelinis Sohn Piero, der vor drei Jahren mit Unterstützung von Gerold Kunert vom Geschichtsverein in Eschenstruth auf Spurensuche war, aus dem Nachlass seines Vaters zur Verfügung gestellt. Dieser war nach einer Odyssee durch Deutschland nach dem Krieg in seine Heimat zurückgekehrt.

„Er hatte bei den deutschen Aufsehern und Dorfbewohnern einen Stein im Brett.“

Giovanni Zimbardo, Übersetzer

Die Notizen Michelinis, der nach dem Sturz von Italiens Diktator Mussollini von den ehemaligen deutschen Waffenbrüdern gefangen genommen und als Kriegsgefangener nach Nordhessen gebracht wurde, beschreiben in vielen Details die Beschwernisse des Lagerlebens, aber auch die Vorteile, die er dank seines Berufs genoss. Denn Ivo Michelini war Friseur. „Er hatte eine bessere Ausgangsposition als normale Gefangene und bei den deutschen Aufsehern und Dorfbewohnern einen Stein im Brett“, sagt Übersetzer Giovanni Zimbardo, gebürtiger Sizilianer.

So erzählt Michelini, wie er zwei Eier geschenkt bekam, nachdem er einem Jungen die Haare geschnitten hatte. „Er wollte kein Geld, sondern eine Stulle oder ein Stück Wurst für seine Arbeit“, erklärt Zimbardo. Geld habe für ihn keinen Wert gehabt.

Der damals 21-Jährige sei ein gläubiger Mensch gewesen, der gern notleidenden Kameraden etwas abgegeben habe. Gleichzeitig sei er aber auch dem schönen Geschlecht zugewandt gewesen, vermutet Zimbardo. Im Tagebuch ist von Besuchen in einer Eschenstruther Bierstube und einem Mädchen namens Anita die Rede, das er kennenlernte.

Trotz der Vorzugsstellung war das Leben für Michelini hart. Kilometerweit musste er in die Munitionsfabrik Hirschhagen marschieren. „Das Heben der Bomben ermüdet sehr… Langsam verliere ich den Mut wegen der harten Arbeit“, schrieb der Italiener. Und nicht alle Deutschen waren freundlich. „Für mich war es ein Schock zu erfahren, wie wir uns als deutsches Volk aufgeführt haben“, sagt Dagmar Zimbardo.

Das Tagebuch kommt erstmal ins Archiv des Geschichtsvereins. Der will warten, bis Michelinis Sohn Piero in Italien einen Verlag zur Erstveröffentlichung gefunden hat. Josef Purmann und Gerd Vogelsang vom Geschichtsverein hoffen, dass sich noch Zeitzeugen aus Eschenstruth melden. (pdi)

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