Auf Gleise gestürzt

Auf Gleise gestürzt: Zwölfjähriger aus Ahnatal wurde leicht verletzt

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Froh, dass nicht mehr passiert ist: Ernesto Plantera mit seinem Sohn Leon gestern im Klinikum Kassel. Der Zwölfjährige hat seinen Sturz auf das Gleis im Bahnhof in Zierenberg gemalt samt Schutzengel rechts oben.

Zierenberg / Ahnatal. Zum Glück ist nichts Schlimmeres passiert. Der Schreck über den Unfall seines Sohnes Leon steckt Ernesto Plantera aus Ahnatal aber am Dienstag noch in den Kochen. Er sitzt am Bett seines Zwölfjährigen auf der Kinderstation des Klinikums Kassel.

Was war geschehen? Nach Angaben von Klaus Arend, Sprecher der zuständigen Bundespolizeiinspektion Kassel, stürzte der Schüler aus Ahnatal gegen 14 Uhr infolge einer Rangelei am Bahnsteig des Bahnhofs Zierenberg auf die Gleise. Leon war mit seinen beiden gleichaltrigen Freunden unterwegs. Nach Schulschluss warteten sie auf die Bahn Richtung Ahnatal.

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Jetzt liegt Leon im Klinikum. „Im Rücken tut es weh“, sagt er und deutet auf die Lendengegend. Aus über einem Meter Höhe sei sein Sohn rücklings auf eine Schiene gefallen, sagt sein Vater, „Gott sei Dank ist er sportlich“. Montagnachmittag hatten sie eigentlich wieder trainieren wollen, sagt der Geschäftsführer einer Sicherheitsfirma.

Der weiß durch Großveranstaltungen von den Gefahren, wenn Menschenmassen in eine Richtung drängen. Nichts anderes sei auf dem Bahnsteig passiert. „Es war ganz eng“, sagt Leon. Um 13.50 Uhr, zwei Minuten bevor der Zug einrollte, „wollten alle nach vorn“. Es gehe um die besten Plätze in der Bahn, auf denen die Schüler zu viert zusammensitzen können. Die bekämen sie als Siebtklässler sowieso nicht, deshalb „versuche ich meist wegzugehen“, meint Leon. Nur nicht am Montag. Leon habe zu nah an den Gleisen gestanden, sagt sein Vater. Als dann irgendwo in der Menge gedrückt wurde, sei das wie eine Wellenbewegung gewesen, „bis zu dem, der am Rand steht. Und das war in diesem Fall Leon“.

Gedränge auf dem Bahnhof Zierenberg: Nach Schulschluss der Elisabeth-Selbert-Schule geht es auf den Bahnsteigen eng zu. Bei einem Gedränge wurde am Montag der zwölfjährige Leon Plantera aus Ahnatal durch einen Sturz auf das Bahngleis verletzt.

Als er auf der Schiene landete, habe es geschmerzt und er habe sich zunächst nicht bewegen können, sagt der Zwölfjährige. „Freunde haben geholfen, mich wieder auf den Bahnsteig geholt und da hingelegt.“ Dann standen viele Schüler um ihn herum. Kurz darauf kam die Bahn und bis auf ein paar Freunde, die bei ihm blieben, stiegen die Schüler ein und fuhren weg.

Jan-Eric Bemmann war einer, der bei Leon blieb, bis die Polizei kam und ein Rettungswagen den Zwölfjährigen ins Klinikum brachte. Auch der 13-Jährige hatte auf die Regiotram gewartet und war von Schülern hinter ihm Richtung Gleise und auf Leon gestoßen worden. Dann sah er den vor Schmerzen schreienden Leon auf den Gleisen und half, ihn auf den Bahnsteig zu heben.

Ernesto Plantera wurde durch die Polizei von dem Unfall seines Sohnes unterrichtet und fuhr ins Krankenhaus. Die ganze Nacht habe er nicht schlafen können. Dienstagmorgen fuhr er in die Schule seines Sohnes. Er sprach mit Leons Klassenkameraden darüber, „was alles hätte noch passieren können, nicht mit erhobenem Zeigefinger, aber um sie zu sensibilisieren“.

Am Mittwoch werde er noch einmal durchgecheckt, sagt Leon. Vielleicht kann er danach das Klinikum verlassen.

„Es ist schlimm, was auf dem Bahnhof passiert ist, aber ich bin froh, dass der Unfall noch relativ glimpflich ausgegangen ist“, meint Ute Walter, Direktorin der Elisabeth-Selbert-Schule in Zierenberg. Dort geht Leon Plantera im Jahrgang sieben in die Gymnasialklasse.

Den Vorfall hat die Schulleiterin zum Anlass genommen, „alle Schüler für die Gefahren an Bussen und Bahnen zu sensibilisieren“. Von den insgesamt 520 Schülern in den Jahrgängen fünf bis zehn seien 150 Fahrschüler. Auf den Bahnsteigen in Zierenberg stünden nach Schulschluss bis zu 70 Schüler, die auf die Bahn nach Hause warteten.

Ort des Geschehens: Jan-Eric Bemmann (13, vorn rechts) war direkt beteiligt, auch Max (14) sowie William (13) haben den Vorgang aus nächster Nähe beobachtet und kennen das Opfer persönlich.

Nachdem Ernesto Plantera bereits mit den Schülern von Leons Klasse gesprochen hatte, was Direktorin Ute Walter ausdrücklich begrüßte, trommelte sie am Dienstag alle Kinder und Jugendlichen der Elisabeth-Selbert-Schule in der großen Pause zusammen, um über den Vorfall zu informieren und auf die Gefahren hinzuweisen.

Sie hoffe, dass anschließend „den Schülern bewusst ist, dass sie sich an die ihnen bekannten Regeln halten müssen. Dass sie vorsichtig sind und sich sowie andere nicht mit ihrem Verhalten gefährden“. Im Kollegium werde der Vorfall besprochen. Wie auch im Schulelternbeirat, der am Dienstagabend zusammenkam.

An der Elisabeth-Selbert-Schule gibt es laut Direktorin neben Bus- auch Regiotram-Begleiter aus der Schülerschaft. Nur würden seit zwei Jahren, seitdem es den Regionalverkehr Kurhessen (RKH) praktisch nicht mehr gebe, keine neuen Schüler als Begleiter mehr ausgebildet. Noch gebe es ab Jahrgang acht aufwärts Begleiter, die auf Bahnsteigen und in den Zügen für Ordnung sorgten. (mic)

Das sagt die Bundespolizei

Auf die Gefahren an Bahnanlagen weist Klaus Arend von der Bundespolizei hin. Glücklicherweise habe zum Zeitpunkt des Sturzes des Ahnataler Schülers in Zierenberg kein Zugverkehr stattgefunden. Die weiße Linie auf dem Bahnsteig markiere den Sicherheitsabstand zum Gleis und dürfe nicht überschritten werden, betont Arend.

„Das Betreten der Gleise ist lebensgefährlich. Selbst wenn Lokführer Personen im Gleis erkennen, besteht die Gefahr, dass diese erfasst werden. Der Bremsweg von Zügen wird oft unterschätzt. Bei einer Geschwindigkeit von100 km/h beträgt der Bremsweg eines Zuges bis zu 1000 Metern“, betont der Beamte der Bundespolizei.

Von Michael Schräer und Nicolai Ulbrich

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