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Eine optimale Kreislaufwirtschaft

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Landwirt Jörg Kramm
Kurzes Zeitfenster: Gerade jetzt in der Wachstumsphase brauchen die Kulturpflanzen von Jörg Kramm wichtige Nährstoffe, die er ihnen mit der Gülledüngung zuführt. © Peer Berholter

Wasser, Sonnenlicht und Nährstoffe sind bekanntermaßen unabdingbar für das Leben auf der Erde. Auch unsere heimischen Kulturpflanzen benötigen diese elementaren Stoffe für ihr Wachstum. Ein gutes und gesundes Wachstum ist wichtig, um zur Erntezeit sichere Erträge einfahren zu können. In weiteren Verarbeitungsschritten werden beispielsweise aus den Körnern der Pflanzen Mehl, Brötchen, Nudeln, Futtermittel für die Tiere, Bier und viele weitere gesunde Lebensmittel hergestellt.

Liebe Leserinnen und Leser, bereits vier Mal haben wir Sie in unserer HNA-Verbandsbeilage „Landwirtschaft in Nordhessen“ quer durch die Kulturlandschaft in der Region mitgenommen. Dabei ging es vom klassischen Ackerbaubetrieb über Milchvieh- und Schweinehaltung bis zu Ostereiern im XXL-Format. Auch Spezialisten wie Garnelen und Bienen fanden hier ihren Platz. In diesem Jahr laden wir Sie ein, diese Reise mit uns fortzusetzen: Kommen Sie mit auf unsere heimischen landwirtschaftlichen Betriebe und lesen Sie zum Ende eines jeden Monats, welche Arbeiten gerade rund um den Hof stattfinden. Wie wird eigentlich Raps gesät? Wann findet der Zucker seinen Weg von der Rübe in die Zuckerwürfel? Warum ist es so wichtig, dass im Frühjahr ein Hauch von Stallgeruch in der Luft liegt? Und welche Arbeiten stehen überhaupt an, wenn es regnet? All das erklären Ihnen unsere Landwirtinnen und Landwirte aus den Landkreisen Schwalm-Eder, Kassel und Werra-Meißner bis zum Ende des Jahres und zeigen, wie der Alltag unserer Landwirtinnen und Landwirte aussieht. Denn unsere heimische Landwirtschaft ist vielfältig, modern, nachhaltig und gleichzeitig produktiv. Und das 365 Tage regional!

Leidenschaft für die Landwirtschaft: Stefanie Wittich-
Vogel (hinten) und Christine Weingarten
Leidenschaft für die Landwirtschaft: Stefanie Wittich- Vogel (hinten) und Christine Weingarten © privat

Der Regen der letzten Wochen war für unsere Natur sehr wertvoll. Nach den letzten Trockenperioden sind, je nach Region, die Wasserspeicherkapazitäten teilweise aufgefüllt.

Insbesondere die milden Temperaturen der letzten Tage lassen die Kulturpflanzen in Kombination mit dem verfügbaren Wasser schnell und üppig wachsen. Für eine gesunde Entwicklung benötigen die aus dem Winterschlaf erwachten Pflanzen momentan aber vor allem eins – einen Mix aus verschiedenen Nährstoffen. Diese können den Pflanzen über organische oder mineralische Düngemitteln zugeführt werden.

Landwirt Jörg Kramm aus Grebenstein führt seinen Betrieb zusammen mit seinem Sohn Moritz. Auf ihren Ackerflächen wachsen unterschiedliche Getreidesorten, Raps, Rüben und Leguminosen. Die Eier seiner Legehennen bringt Kramm zum Teil noch persönlich zu seinen Kunden. Zudem mästet der Familienbetrieb Schweine, die es später an regionalen Fleischtheken zu kaufen gibt. Die Schweine produzieren eine ausreichende Menge an Naturdünger in Form von Gülle. Gülle besteht hauptsächlich aus den Ausscheidungen (Kot und Harn) der Schweine. Dieses Gemisch enthält die wichtigsten Nährstoffe für das Pflanzenwachstum: Stickstoff, Phosphat und Kalium. Darüber hinaus sind auch viele weitere Spurennährstoffe in der Gülle enthalten, sie kann somit als wahrer Mehrnährstoffdünger bezeichnet werden. Welche Inhaltsstoffe genau im Naturdünger enthalten sind, lässt Jörg Kramm regelmäßig in einem Labor untersuchen.

Die Ausscheidungen der Tiere und die darin enthaltenen Nährstoffe führt der Landwirt seinen Pflanzen auf den Ackerflächen zu. Eigentlich ganz einfach, denkt man sich. Bevor die Pflanzen allerdings mit Nährstoffen versorgt werden dürfen, steht Mathematik auf dem Stundenplan der Landwirte.

Die regnerischen Tage im Februar verbrachte Kramm damit, den Nährstoffbedarf der einzelnen Kulturpflanzen je Einzelschlag zu ermitteln. „Dabei musste ich die angebaute Kultur im Vorjahr, meine Ernteerträge der vergangenen fünf Jahre, die im Boden noch vorhandenen Nährstoffe mit Hilfe einer Bodenprobe sowie die organische Düngung des Vorjahres für die Berechnung berücksichtigen“, erzählt er und ergänzt: „Die Düngung der Pflanzen erfolgt ausschließlich nach Bedarf, die Einhaltung der Vorschriften wird von Fachbehörden kontrolliert“. Das Prinzip „viel hilft viel“ gibt es in diesem Fall nicht.

Je effektiver die Nährstoffe aus der Schweinegülle von Jörg Kramm die wachsenden Pflanzen versorgen kann, desto besser. „Mit Hilfe einer ökologisch sinnvollen und äußerst zielgerichteten Düngung kann ich bares Geld sparen. Die Ausscheidungen meiner Schweine tragen zu einer soliden Grundversorgung meiner Kulturpflanzen bei. Die Ernteprodukte meiner Flächen werden wiederum an meine Schweine verfüttert. Deren Exkremente landen dann letztlich wieder auf meinen Ackerflächen – eine optimale Kreislaufwirtschaft.“ Er weist zeitgleich auf einen weiteren Aspekt der Nachhaltigkeit hin: „Die CO2-Bilanz der Gülle als heimisches Abfallprodukt ist wesentlich geringer, als etwa der Einkauf von mineralischen Düngemitteln, die zumeist aus Osteuropa oder Südamerika importiert werden und somit lange Lieferwege haben.“

Die Vorbereitung zur Nährstoffversorgung seiner Pflanzen ist also abgeschlossen. Jetzt heißt es zunächst noch warten und Füße stillhalten. Die Ackerflächen des Betriebes sind noch sehr nass, sie müssen zunächst oberflächlich abtrocknen, damit die Reifen des Traktors und angehängten Güllefass nicht einsinken. Bodenschonende Hilfsmittel wie zum Beispiel eine Reifendruckregelanlage können hierbei helfen. Durch die Reduzierung des Reifeninnendrucks vergrößert sich die Aufstandsfläche zwischen Reifen und Boden.

Ist der Acker befahrbar, muss alles ganz schnell gehen. Die Pflanzen haben „Hunger“, sie warten auf ihre erste Mahlzeit des Jahres. Jörg Kramm besitzt, wie viele andere Landwirte in der ganzen Region auch, kein eigenes Güllefass um die Nährstoffe bodennah und damit emissionsarm auf den Flächen zu verteilen. Er beauftragt aus diesen Gründen einen Lohnunternehmer (Dienstleistungsunternehmen) aus der Nähe. „Das Gespann meines Lohnunternehmers aus Traktor und Güllefass kostet in etwa so viel wie ein neues Einfamilienhaus. Die in meinem Betrieb anfallenden Mengen an Kot und Harn würden eine solch hohe Investition aus betriebswirtschaftlicher Sicht nicht rechtfertigen.“

Kurze Zeitfenster, in denen die Bedingungen optimal sind, müssen von den Landwirten und Lohnunternehmern deshalb ausgenutzt werden. Arbeitstage bis spät in die Nacht sind dann keine Seltenheit.

Nach Abschluss der Düngungsmaßnahme muss Kramm erneut an den Schreibtisch. Die Menge des ausgebrachten Kot-Harn-Gemisches aus dem Schweinestall und das in dieser Form ausgebrachte Drei-Gänge-Menü bestehend aus Stickstoff, Phosphat und Kalium muss nun schlagspezifisch dokumentiert werden. „Zeitgleich kann ich errechnen, welche Nährstoffe den einzelnen Pflanzen in der weiteren Wachstumsperiode noch fehlen. Hierbei muss ich zwischen dem Nährstoffbedarf der Pflanzen für einen guten Ertrag und der Rentabilität des eingesetzten Mineraldüngers abwägen. Bei den aktuell extrem hohen Düngerpreisen ist die Rentabilität des zusätzlich ausgebrachten Mineraldüngers jedoch fraglich“, erklärt Jörg Kramm. pee

Expertentipp von Philipp von Dalwig, Raiffeisen Waren GmbH

„Wir von Agro-In-Form, der Beratungsstelle von Raiffeisen Waren, stehen als unabhängige Berater für alle Fragen rund um das Thema Acker- und Pflanzenbau zur Verfügung. Wir verstehen uns als neutraler Dienstleister, der in engem Austausch mit den Landesbehörden und den Pflanzenschutzdiensten steht. Wir bieten Landwirten eine ebenso umfassende wie kompetente Ackerbauberatung unter Berücksichtigung von Biodiversität und dem schonenden Umgang mit Ressourcen.

Philipp von Dalwig, Raiffeisen Waren GmbH
Philipp von Dalwig, Raiffeisen Waren GmbH © privat

Unsere Beratung erfolgt vor Ort in den Betrieben und umfasst beispielsweise Fragen zur Gestaltung der Fruchtfolge, der Aussaat und Sortenwahl sowie der optimalen Düngung. Wir zeigen auf, wie die vorhandenen Flächen bestmöglich genutzt werden können und informieren dabei auch über nötige Anpassungsprozesse aufgrund sich ändernder Gesetzeslagen. Regelmäßige Fachvorträge von uns und externen Referenten runden unser Angebot ab. Wer Fragen rund um den Acker- und Pflanzenbau hat, findet in uns den richtigen Ansprechpartner.“ pee

raiwa.net/landwirtschaft/agrarberatung

Landwirtschaft Nordhessen

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