Nachfrage hat sich in letzten fünf Jahren verdoppelt

Kreuzfahrten: Darum machen so viele Urlaub auf dem Schiff, obwohl sie wissen, dass es schlecht ist

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Große Kreuzfahrtschiffe schippern 6000 Passagiere über die Meere. Der große Vorteil der Urlauber: Ihr Hotel fährt immer mit.

Kreuzfahrten werden immer beliebter. Dabei weiß jeder, dass die Riesenschiffe von Aida und Co. Dreckschleudern sind.

Kreuzfahrten erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Und auch, wenn gerade 1300 Menschen auf einem Kreuzfahrtschiff bei Norwegen in Seenot geraten sind, dürften tausende Urlauber bereits ihre Seereisen für die diesjährige Urlaubssaison gebucht haben. Oft zum Unverständnis von Freunden, Verwandten oder Kollegen: Sind es doch gerade die Kreuzfahrtschiffe, die als Klimakiller und wahre Dreckschleudern bekannt sind. Dazu sieben Fakten und ein Bekenntnis einer Kreuzfahrt-Liebhaberin:

1. Kreuzfahrten: So populär sind sie

Eine Kreuzfahrt ist das, was früher der Mallorca-Urlaub war. Den Luxus auf hoher See gönnen sich längst nicht mehr nur Reiche. 2018 sollen weltweit erstmals mehr als 27 Millionen Menschen auf Linien wie Aida und Tui Cruises Urlaub gemacht haben. In Deutschland hat sich die Nachfrage innerhalb von zehn Jahren verdreifacht. Und der Trend wird immer größer, wie Klaus-Peter Spohr vom Kasseler Reisebüro "Wimke Reisewelt" bestätigt: "In den letzten fünf Jahren hat sich das verdoppelt." Spohr beobachtet dabei einen Schneeballeffekt. Wenn der Nachbar von seiner Kreuzfahrt schwärmt, will man so etwas auch erleben: "Die Kunden empfehlen es selbst weiter. So viel Werbung kann man gar nicht machen." Die Mund-zu-Mund-Propaganda wirkt. In einer Umfrage des Marktforschungsinstitut Nordlight Research gaben 14 Prozent an, Kreuzfahrten zu lieben, weitere 20 Prozent waren neugierig, es auszuprobieren.

2. Das Hotel fährt immer mit

Wer sich im Bekanntenkreis umhört, wird feststellen, dass es fast niemanden gibt, der enttäuscht von einer Kreuzfahrt zurückkam. Es ist ja auch so praktisch und vielfältig. "Man kann Städte und Kulturen entdecken und hat sein Hotel, sein gewohntes Restaurant und sogar sein Hospital immer dabei, ohne auf Komfort verzichten zu müssen", sagt Spohr. Für ihn ist eine Kreuzfahrt eine Mischung aus Studienreise und gehobenem Club-Urlaub.

Dieser Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

3. Kreuzfahrtschiffe werden immer größer

Mit Schiffen wie der legendären "MS Deutschland" haben die modernen Kreuzfahrtriesen nichts mehr gemein. Sie befördern nicht mehr nur 500 Menschen wie das ehemalige ZDF-"Traumschiff", sondern bis zu 6000. Für die Betreiber sind die Urlaubsfabriken "schwimmende All-inclusive-Resorts". Kritiker indes sprechen von "Monsterschiffen, die nicht mehr schön sind, sondern eine Plage darstellen". Dieser Satz stammt von dem Autor Wolfgang Meyer-Hentrich, der früher selbst ein Kreuzfahrt-Fan war, nun aber das Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt" geschrieben hat, in dem er die "Gefahr für Natur und Mensch" aufzeigt.

4. So dreckig ist eine Kreuzfahrt

Die größte Verlierer einer Kreuzfahrt ist die Umwelt. Laut Stiftung Warentest und der Organisation Atmosfair produziert ein Passagier während einer Woche auf dem Schiff 1500 Kilogramm Kohlendioxid - also genauso viel, als würde er mit einem Mittelklassewagen 9000 Kilometer fahren. Wäre das Leben gerecht und klimaneutral, dürfte jeder im Jahr nur 2300 Kilogramm Kohlendioxid produzieren. Zudem fahren die Kreuzfahrtschiffe laut Naturschutzbund Deutschland immer noch mit Schweröl, einem dreckigen Abfallprodukt der Raffinerien. Auf hoher See gibt es keine Abgaskontrollen. Zusätzlich verschmutzen die Schiffe durch Verklappung und Abflüsse die Ozeane, wie Autor Meyer-Hentrich kritisiert. Auch das ist dafür verantwortlich, dass es in den Meeren weltweit bereits 500 Todeszonen gibt. Der Sauerstoff reicht Fischen, Muscheln und Krabben nicht zum Leben.

5. Invasion der Kreuzfahrer in Städte

Für Meyer-Hentrich haben die Kreuzfahrtriesen ein neues Zeitalter des Massentourismus eingeläutet. Demnach bedrohen die Urlauberströme des Hypertourismus Städte wie Barcelona und Venedig. Besonders krass ist die Situation in der kroatischen Adriastadt Dubrovnik. Wenn sich plötzlich 6000 Kreuzfahrer durch die engen Gassen der 43.000-Einwohner-Stadt schieben, bleibt von der Idylle nicht mehr viel übrig. Die Unesco drohte sogar, Dubrovnik den Welterbetitel abzuerkennen. Darum dürfen nun nicht mehr sieben, sondern nur noch zwei Kreuzfahrtschiffe am Tag einlaufen. Venedig verbannt die Riesen künftig vor die Stadt und verlangt pro Person drei Euro Eintritt. Eine Lösung ist das für Meyer-Hentrich allerdings nicht, denn die Urlauber geben bei ihren kurzen Abstechern an Land kaum Geld aus, da sie ihr eigenes Restaurant ja auf dem Schiff immer dabei haben.

6. Gewinne wie beim Glücksspiel

Umso mehr Geld wird an Bord verdient. Die Reedereien machten Gewinne, wie sie "sonst wohl nur beim Glücksspiel anfallen", heißt es im Buch "Wahnsinn Kreuzfahrt". Das liegt auch daran, dass die meisten Schiffe nicht unter deutscher Flagge fahren. Stattdessen gelten die Rechte von Flaggenstaaten wie Panama. So müssen die Unternehmen keine Steuern und nur geringe Löhne zahlen. Laut Meyer-Hentrich verdienen viele Beschäftigte auf den Kreuzfahrtriesen lediglich 450 bis 700 Euro pro Monat - für mehr als 70 Stunden Arbeit in der Woche.

7. Aida und Co. reagieren auf Kritik

Klaus-Peter Spohr vom Kasseler Reisebüro Wimke

Trotz allem sagt der Kasseler Reise-Fachmann Spohr: "Das schlechte Gewissen fährt immer weniger mit." Die großen Reedereien hätten die Grenzen des Wachstums erkannt und setzten wieder mehr auf kleinere Schiffe, die nur noch 1000 bis 2000 Passagiere über die Meere schippern können. Es wird an alternativen Antrieben gearbeitet, um vom dreckigen Schweröl wegzukommen. Die "AidaNova" der Aida zum Beispiel fährt komplett mit dem Flüssiggas LNG. Solch ein modernes Schiff ist jedoch noch seltener als ein Elektro-Auto auf deutschen Straßen. Auf der Liste des Naturschutzbundes (Nabu) mit allen 77 europäischen Kreuzfahrtschiffen wurden nur drei einigermaßen positiv bewertet.

Ob dreckig oder nicht: Der Kreuzfahrt-Trend, schätzt Spohr, werde noch die nächsten zehn Jahre anhalten. Für umweltbewusste Urlauber bietet sein Reisebüro übrigens schon seit zwölf Jahren an, Klimaschutzprojekte zu unterstützen. Gegen einen geringen Betrag wird der Trip (ob mit dem Schiff oder Flugzeug) klimaneutral. Doch nicht einmal ein Prozent seiner Kunden nutzt das Angebot.

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Das Buch: Wolfgang Meyer-Hentrich: Wahnsinn Kreuzfahrt. Gefahr für Natur und Mensch. Ch. Links Verlag, 248 Seiten, 20 Euro.

Darum liebe ich Kreuzfahrten

Von Theresa Novak

"Du machst Urlaub auf einer Dreckschleuder, einem Sklavenschiff, du bist eine Umweltzerstörerin. Weißt du eigentlich, wie die Mitarbeiter dort ausgebeutet werden? Ist dir die Erde egal?" Das und noch viel mehr muss ich mir anhören, wenn ich die nächste Kreuzfahrt gebucht habe. Mich lässt das alles kalt. Ich liebe Kreuzfahrten und habe zurzeit kein Bedürfnis, anders zu reisen.

Sieben hab ich schon mitgemacht und dabei etliche Städte, Strände und Sehenswürdigkeiten erlebt. Eindrücke, die ich nicht mehr missen will. Ich bin an einem Tag mit Blick auf die Skyline in New York aufgewacht, den nächsten Tag auf den Bahamas und darauf den Tag in Miami. Ich bin in Warnemünde aufs Schiff gegangen, nach Tallinn gefahren (was ich sonst wahrscheinlich nie gesehen hätte, wer macht schon Urlaub in Estland?), Sankt Petersburg, Helsinki, Stockholm und Kopenhagen. Jeden Tag woanders, jeden Tag Geld tauschen und eine andere Währung zurückbekommen. Das ist spannend, abwechslungsreich und für Leute, denen es an einem Ort schnell langweilig wird, genau das Richtige.

Und wenn die Entfernung zwischen zwei Zielen mal zu groß ist, verbringt man einen oder zwei Tage komplett auf See. Langweilig? Zu viele Leute auf zu engem Raum? Finde ich nicht. Klar, das Pool-Deck ist an Seetagen und bei gutem Wetter voll. Alles andere wäre gelogen. Aber es herrscht eben auch eine ganz besondere Stimmung auf so einem Kreuzfahrtschiff. Die Leute sind nett, haben gute Laune und freuen sich ihres Lebens. Dabei entsteht oft ein Gefühl wie auf einer großen Gruppenreise.

War ich sonst im Urlaub immer der Typ, der nicht unbedingt die Gesellschaft Fremder suchte, hat sich das durch die Kreuzfahrten verändert. Ich setze mich jetzt beim Essen gern an große Tische mit vielen Leuten. In spätestens zwei Minuten bin ich mit irgendjemandem im Gespräch. Das kann die Familie mit zwei Kindern sein, eine Gruppe Männer, die Junggesellenabschied auf dem Schiff feiert, oder ein Pärchen. Wobei es übrigens egal ist, ob diejenigen 30 oder 60 Jahre alt sind.

Wenn der Tag dann rum ist und der Abend anbricht, wird’s besonders toll. Die Sonne geht langsam unter, man sitzt draußen an einer Bar, blickt aufs Meer und freut sich auf den nächsten Tag, den nächsten Ort, die nächsten Erlebnisse.

Mir geht es jedenfalls so. Und etlichen anderen Urlaubern offensichtlich auch. Denn dass man auf dem Schiff jemanden trifft, der zum ersten Mal auf Kreuzfahrt ist, ist selten. Die meisten haben fünf, sieben, zehn oder auch zwanzig Fahrten hinter sich und teilweise schon jahrelang keinen anderen Urlaub mehr gemacht.

Ja, wer Kreuzfahrten macht, braucht dafür eine große Portion Egoismus. Und Ignoranz. Es gibt Vieles, was man einfach ausblenden muss – des eigenen Glücks zuliebe. Und genau das tue ich. Denn es gibt immer neue Routen und neue Ziele zu entdecken. Reizen würde mich als nächstes zum Beispiel die Fahrt „Südafrika und Namibia“. Also erst nach Kapstadt fliegen und von dort mit dem Schiff weiter. Für die Umwelt eine Katastrophe. Für mich sicher ein unvergessliches Erlebnis.

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