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Krieg in der Ukraine: Eindrücke von den Protesten in Kassel – „Wir mussten ein Zeichen setzen“

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Von: Matthias Lohr, Bastian Ludwig

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Demonstranten vor dem Rathaus in Kassel mit Ukraine- und Europa-Flaggen.
Fast 1000 Menschen kamen vor das Rathaus: Auch am Sonntag gab es eine Demonstration gegen den Krieg Putins in der Ukraine. © Bastian Ludwig

Auf gleich drei größeren Kundgebungen demonstrierten die Menschen am Wochenende in Kassel gegen den russischen Krieg in der Ukraine.

Kassel – Wer sind die Menschen hinter den Protesten? Wir stellen einige von ihnen vor.

Der Organisator

Als Peter Carqueville Donnerstagmorgen auf sein Handy schaute, war ihm klar, dass er etwas tun musste. Der Web-Entwickler ist international vernetzt. Im Kurznachrichtendienst Twitter las er nun, wie schockiert ukrainische Kollegen waren, die vom Homeoffice aus einschlagende Bomben hörten. Und er bekam mit, wie IT-Experten aus Russland bekannten, dass sie sich für das schämten, was ihr Präsident Wladimir Putin angeordnet hatte.

Den ganzen Tag über telefonierte Carqueville. Am Abend war klar, dass am nächsten Tage eine Kundgebung vor dem Rathaus stattfinden würde. Dazu riefen SPD, Grüne, CDU, Linke und FDP sowie der Deutsche Gewerkschaftsbund auf. Initiiert hatte dies alles aber Carqueville als Privatmann.

Am Freitagabend war der ehemalige Ortsvorsteher des Fasanenhofs überwältigt, als er von der Rathaustreppe auf 1500 Menschen blickte. Noch einen Tag danach ist der 40-Jährige stolz auf das, was er auf die Beine gestellt hat: „Wir mussten ein Zeichen setzen. Die ganz einfache Message war Frieden.“

Peter Carqueville
Peter Carqueville Organisator der Kundgebung am Freitag © Andreas Fischer

Sämtliche Redner ernteten viel Applaus. Nur Linken-Fraktionschef Lutz Getzschmann ging in Buh-Rufen unter, als er die Nato kritisierte und Verständnis für Russlands Sicherheitsinteressen äußerte. Carqueville musste die Ukrainer in der Menge beruhigen, die außer sich waren. Zwischenzeitlich sah es so aus, als würden einige Getzschmann vom Mikro holen wollen. Carqueville appellierte an die Kritiker, auch andere Meinungen anzuhören. Trotzdem fand er Getzschmanns Rede „gefühllos. Es war komplett der falsche Platz. So etwas haben wir nicht gebraucht.“

Der in Gera aufgewachsene Familienvater wird diese Woche weiter telefonieren. Am Freitag soll eine weitere Demo stattfinden.

Russin für Ukrainer

Die Kasselerin Olga Becker ist Russin und gerade deshalb am Samstag bei der Kundgebung unter dem Motto „Solidarität mit der Ukraine – Nieder mit dem russischen Imperialismus“ dabei. Gemeinsam mit etwa 300 Menschen zeigt sie sich auf dem Opernplatz solidarisch mit der Ukraine. Während die Redner von Schicksalen aus dem Kriegsgebiet berichten, Waffen für die Ukraine und deren Aufnahme in die Nato fordern, empört sich auch Olga Becker über das Verhalten Putins.

Becker stammt aus Wolgograd und kam 1999 nach Kassel. In Nordhessen hat sie viele Freundschaften zu Ukrainerinnen und Ukrainern geschlossen. „Das sind alles tolle Menschen.“ Von Kassel aus hält sie Kontakt mit alten Freunden und Verwandten aus Russland. Doch als sie jüngst Videos mit Ansprachen des ukrainischen Präsidenten Selenskyj in ihre alte Heimat schicken wollte, wurden diese blockiert. „Es ist erschreckend, wie in Russland Propaganda und Desinformation betrieben wird.“ So sei am Donnerstag im russischen Fernsehen verkündet worden, Selenskyj sei zurückgetreten.

Ging am Samstag für die Ukraine auf die Straße: Kasselerin Olga Becker stammt aus Russland.
Ging am Samstag für die Ukraine auf die Straße: Kasselerin Olga Becker stammt aus Russland. © Bastian Ludwig

Videos des ukrainischen Präsidenten würden einfach mit falschen Kommentaren unterlegt. Es werde behauptet, Russland schütze sich durch den Einmarsch in die Ukraine. „Das ist doch verrückt, der Typ ist schrecklich“, sagt sie über den russischen Präsidenten.

Bewegter Weißrusse

Aliaksei Paluyan kennt sich mit autoritären Regimen aus. Der Kasseler Filmemacher stammt aus Weißrussland und war einer der Redner, die am Sonntag bei der Demonstration für die Ukraine vor dem Rathaus sprachen. Fast 1000 Menschen waren dem Aufruf von Europa-Union, Deutsch-Polnischem Bürgerforum und der Initiative Pulse of Europe gefolgt und hatten sich dort versammelt.

Paluyan machte sich auf der Rathaustreppe Luft: Europa habe seit 2014 den Krieg in der Ukraine ignoriert. Er erwarte Unterstützung – auch von der Stadt Kassel. „Das ist nicht der Krieg der Ukraine, sondern von ganz Europa.“ Putins Angriff sei ein Angriff auf alle mit europäischen Werten.

Sie sind besonders betroffen: Unter den 1500 Menschen, die am Freitag vor dem Rathaus gegen den Krieg demonstrierten, waren zahlreiche Ukrainer mit den Flaggen ihres Landes.
Sie sind besonders betroffen: Unter den 1500 Menschen, die am Freitag vor dem Rathaus gegen den Krieg demonstrierten, waren zahlreiche Ukrainer mit den Flaggen ihres Landes. © Andreas Fischer

Paluyan stellte klar, dass für den Krieg nicht das russische Volk die Verantwortung trage, sondern deren Präsident. „Die russischen Soldaten sollen nicht im Sarg zurückkommen, sondern zu ihren Müttern.“

Neben Paluyan sprachen weitere Ukrainer und die Landtagsabgeordnete Esther Kalveram. Ihre Kernbotschaft: Solidarität mit der Ukraine – Worten müssten Taten folgen. Foto: Andreas Fischer

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