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Krieg rückt Wintershall Dea und Rüstungsunternehmen in Fokus

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„Rheinmetall entwaffnen“: Rüstungsgegner demonstrierten im August in Kassel. Mehrere Tage campierten sie in der Goetheanlage.
„Rheinmetall entwaffnen“: Rüstungsgegner demonstrierten im August in Kassel. Mehrere Tage campierten sie in der Goetheanlage. © Dieter Schachtschneider

Die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine haben auch die Wirtschaft in der Region getroffen. Drei Unternehmen gerieten in einen besonderen Fokus: Der Öl- und Gasförderer Wintershall Dea sowie die Rüstungskonzerne Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann wurden Ziel wütender Proteste.

Kassel – Es waren gute Zahlen, die der Öl- und Gasförderer Wintershall Dea verkünden wollte: 8,1 Milliarden Euro Umsatz und 593 Millionen Euro Gewinn nach Steuern standen für 2021 zu Buche. Doch dieser 24. Februar war kein Tag für Erfolgsmeldungen. Es war der Tag, an dem Russland die Ukraine überfiel. Die Pressekonferenz fiel aus. „Wir sind schockiert, was passiert“, schrieb Wintershall-Dea-Chef Mario Mehren in einem Statement und, eine Woche später: „Die Welt, in der wir leben, ist eine andere als noch vor wenigen Tagen. Der russische Präsident führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine.“

Die Welt hatte sich verändert für die BASF-Tochter, die in Sibirien Gas fördert, die für Anteile an russischen Vorkommen ihre Speichertochter Astora und die Anteile am Ferngashändler Wingas dem Gazprom-Konzern überlassen hatte und die den russischen Finanzinvestor Letter One als Minderheitsgesellschafter im Boot hat. Was als Garant einer unbeirrt als verlässlich gelobten deutsch-russischen Geschäftsfreundschaft gegolten hatte, wurde zur schweren Hypothek.

Die Abschreibungen von gut 1,5 Milliarden Euro auf die Erdgaspipeline Nord Stream 2 und das Russland-Geschäft sind ein Schaden, den das Unternehmen nicht zuletzt dank horrend gestiegener Gaspreise noch am ehesten verdaut. Doch es muss gegen den Vorwurf kämpfen, durch die Förderung in Russland Putins Krieg mitzufinanzieren und indirekt daran zu verdienen. Das Unternehmen wehrt sich, verurteilte wiederholt den Überfall, spendete Millionen für die Ukraine.

Der öffentliche Protest begleitet Wintershall Dea. Der Slogan „Erdgas tötet“ wurde auf die Fahrbahn vor der Zentrale gesprüht. Aktivisten legten sich in mit Kunstblut beschmierten Shirts vor das Bürohochhaus. Gefälschte Flyer machten die Runde, nach denen das Unternehmen angeblich seine „Übergewinne“ an alle Kasseler verteilt, 7500 Euro pro Kopf. Auch die beiden Rüstungskonzerne Krauss-Maffei Wegmann (KMW) und Rheinmetall sahen sich Protesten ausgesetzt. KMW baut in Kassel mit 1500 Beschäftigten unter anderem die Türme für die Kettenpanzer Leopard und Puma sowie eine fernbedienbare Rad-Haubitze für die Ukraine. Das osteuropäische Land soll außerdem 100 Panzerhaubitzen 2000 erhalten, die ebenfalls in Kassel entstehen – die Waffenanlage entwickelte Rheinmetall. Das Werk werde 2023 in hohem Maße ausgelastet sein, erwartet KMW. In diesem Jahr begann der Bau einer neuen Halle. Das Kasseler Rheinmetall-Werk ist nach Arbeitsstunden und Beschäftigen der weltweit größte Konzernstandort für Rad- und Kettenpanzern. Hier wird etwa der Schützenpanzer Marder modernisiert und aktuell der Leopard 2 zum Bergepanzer umgebaut. Hinzu kommen Großprojekte wie die Produktion des Radpanzers Boxer für die Bundeswehr, Litauen und Großbritannien sowie der Bau von Panzerhaubitzen 2000. Im kommenden Jahr startet die Vorserie zur Produktion des Pionierpanzers Kodiak. Die Belegschaft des stark ausgelasteten Werks soll von 1200 auf mehr als 1300 Beschäftigte wachsen.

Rüstungsgegner machten gegen die Unternehmen mobil. Aktivisten des Bündnisses „Rheinmetall entwaffnen“ schlugen im August ein mehrtägiges Protestcamp in der Goetheanlage auf. „Kassel entwaffnen ist keine Kunst“, lautete das Motto des Treffens zur documenta-Zeit. Eine Demonstration, die die Produktion bei KMW und Rheinmetall blockieren sollte, provozierte ein massives Polizeiaufgebot. Bei Zusammenstößen mit Demonstranten gab es Verletzte. Die Abschluss-Demo, zu der sich nach polizeilicher Schätzung etwa 700 Teilnehmer versammelten, blieb friedlich.

Die jüngsten Nachrichten aus der Rüstungsszene dürften im Sinne der Protestierer sein: Mit dem Schützenpanzer Puma, einem Gemeinschaftsprojekt von Rheinmetall und KMW, gibt es massive Probleme. Bundesverteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) setzte den Nachkauf vorerst aus. KMW und Rheinmetall reparieren.

Von Barbara Will

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