Kriminaldauerdienst ist rund um die Uhr besetzt

Schüsse, Einbrüche und Freiheitsberaubung: Eine Nachtschicht mit Ermittlern der Polizei

+
Tatortarbeit: Kriminaloberkommissar Thomas Brömer schaut sich Spuren an, die Einbrecher an einer Garage in der Straße „Terasse“ hinterlassen haben. 

Der Kriminaldauerdienst sichert die kriminalpolizeiliche Grundversorgung in Stadt und Kreis Kassel auch nachts und an den Wochenenden. Wir haben die Dienstgruppe A in der Nachtschicht begleitet.

Die Nachtschicht beginnt am Dienstag um 18 Uhr relativ ruhig. Ein Ehepaar aus Kassel ist beim Kriminaldauerdienst (KDD) im Polizeipräsidium Nordhessen erschienen, um einen Diebstahl anzuzeigen. Ein Trickdieb hat aus einer Schatulle in der Wohnung Gold gestohlen. Kriminalhauptkommissar Marco Erkelenz, Leiter der Dienstgruppe A, ist zuversichtlich, dass er oder einer seiner drei Kollegen noch am Abend zu dem Paar fahren kann, um Spuren zu sichern.

Wenn keine aktuellen Einsätze reinkommen, sollen die Ermittler in dieser Nacht auch einige Haftbefehle vollstrecken. Und dann gibt es da noch diese Sache in Lohfelden. Es wurden gegen 18 Uhr Schüsse gemeldet. Neben der Schutzpolizei ist auch das Spezialeinsatzkommando vor Ort. „Wir müssen mal schauen, ob das etwas für uns wird“, sagt Erkelenz. Er verabschiedet noch Ermittler des Bundeskriminalamtes, die im Präsidium Vernehmungen gemacht haben.

19.20 Uhr. Mit der Ruhe ist es plötzlich vorbei. Polizeilicher Schusswaffengebrauch in Lohfelden. Auf den Mann, der zuvor Schüsse abgefeuert haben soll, wurde von einem SEK-Beamten geschossen. Der Verdächtige soll dabei schwer verletzt worden sein. KHK Erkelenz muss jetzt alles organisieren. Das K 11, zuständig für Tötungsdelikte, muss informiert werden, ebenso die Spurensicherung. Beamte des Landeskriminalamts (LKA) sollen mit einer Tatortgruppe schon auf dem Weg von Wiesbaden nach Lohfelden sein, um die Ermittlungen aufzunehmen. Das geschieht immer dann, wenn ein Polizist mit seiner Dienstwaffe einen Schuss abgibt und jemand dabei schwer verletzt oder getötet wird, sagt Erkelenz. Bis die LKA-Ermittler in Nordhessen angekommen sind, fährt er mit Kriminaloberkommissar Thomas Brömer zum Tatort nach Lohfelden.

Sie hatten in der Nacht zum Mittwoch Nachtschicht: KOK Thomas Brömer (von links), KOK Sabrina Mänz und KHK Marco Erkelenz. Auf dem Foto fehlt KOK Dirk Bürger.

19.55 Uhr. Ein Paar erscheint im Präsidium, um beim KDD einen Einbruch anzuzeigen. Kriminaloberkommissarin Sabrina Mänz und Kriminaloberkommissar Dirk Bürger müssen sich aber erst um die Alarmierung der Kollegen wegen des Falls in Lohfelden kümmern. Das Paar muss warten.

20.10 Uhr. Die Kollegen vom K 11 erscheinen und lassen sich über den neuesten Stand informieren. Bekannt ist: Ein 56-Jähriger aus Lohfelden soll die Schüsse in seiner Wohnung in der Bergstraße abgefeuert haben. Der Mann wurde ins Klinikum eingeliefert. Das K 11 fährt zum Tatort.

KOK Bürger kümmert sich derweil um die Opfer des Einbruchs. Ein skurriler Fall. Der Mann erzählt dem Ermittler, dass in seine Wohnung eingebrochen worden ist, in der er sich sieben Wochen nicht aufgehalten hat. Er habe wohl aus Versehen dort seinen Schlüsselbund im Briefkasten stecken lassen. Nachbarn hätten ihm berichtet, dass nach drei Wochen der Schlüssel verschwunden sei. Seine Wohnungstür sei nicht aufgebrochen worden, aber auch nicht mehr abgeschlossen gewesen. Die Täter hätten Parfüm und einen Fernseher mitgenommen.

21.05 Uhr. Ein Schutzpolizist, der auf dem Revier Mitte – genau gegenüber – arbeitet, kommt mit einem Handy zum KDD. „Guckt mal“, sagt er. „Das ist doch eindeutig Kinderpornographie.“ Das Handy hat ein Mann zehn Minuten zuvor auf dem Innenstadtrevier abgegeben, nachdem er es auf der Wilhelmshöher Allee gefunden habe. Da das Handy keine Bildschirmsperre hatte, öffnete es der Polizist und stieß auf die Fotos, die aus dem Darknet stammen könnten. Für Kinderpornografie ist der KDD zuständig. KOK Brömer kümmert sich um den Fall, der am Mittwoch an das für Sexualdelikte zuständige Kommissariat K12 weitergegeben wird.

Dies ist nur ein Beispiel aus dieser Nacht dafür, wie eng KDD und Schutzpolizei zusammenarbeiten.

Anzeigenaufnahme: Sabrina Mänz klingelt bei Zeugen eines Einbruchs.

21.20 Uhr. Eine Erstmeldung über eine mögliche Freiheitsberaubung kommt rein. Eine hochbetagte Dame sei möglicherweise von Einbrechern in ihrem Badezimmer in ihrer Wohnung im Landkreis eingesperrt worden. Beamte des Reviers Nord sind vor Ort und ermitteln. Später geben sie dem KDD Entwarnung: Es gibt keine Hinweise auf einen Einbruch. Vermutlich hat sich die alte Frau, der es gesundheitlich nicht gut, selbst im Bad eingesperrt. Die Polizisten bringen die Dame dazu, sich in ein Krankenhaus einliefern zu lassen.

22 Uhr. KHK Erkelenz und KOK Brömer sind aus Lohfelden zurück. Das LKA ist jetzt vor Ort. „Die Opfer des Trickdiebstahls können wir heute nicht mehr aufsuchen. Das muss die Tagschicht übernehmen“, sagt Erkelenz.

23.45 Uhr. Es ist ruhiger geworden. Deshalb setzen sich KOK Mänz und KOK Brömer in einen Zivilwagen, um Streife durch die Stadt zu fahren. Um Mitternacht kommt ein Funkspruch, möglicher Einbruch in der Straße „Terrasse“. Brömer gibt Gas, die Stadt ist leer. Kurze Zeit später treffen die Ermittler des KDD auf Streifen des Reviers Mitte, die gerade zwei Jugendliche nach einer Verfolgungsjagd in der Karthäuserstraße festgenommen haben. Mänz und Brömer fahren zu der Adresse an der „Terrasse“. Dort berichtet ein Paar, dass es Geräusche an den Garagen gehört hat, bevor die beiden Tatverdächtigen weggelaufen sind. Brömer stellt Einbruchsspuren an zwei Garagen fest.

2.10 Uhr. Die LKA-Ermittler erscheinen beim KDD, um sich alle Beweismittel aus dem Lohfeldener Fall, die im Laufe der Nacht hier gesammelt worden sind, abzuholen. Danach fahren die beiden Ermittler zurück nach Wiesbaden. Für den KDD ist dieser Fall damit abgeschlossen.

2.15 Uhr. Amtshilfeersuchen aus Nordrhein-Westfalen: Dort ist in einer Kreisstadt ein sieben Monate alter Säugling gestorben, dessen Vater in Kassel wohnen soll. Da die Polizisten aus NRW keinen Zugriff auf die Computer der hessischen Polizei haben, bitten sie um Hilfe, um Infos über den Mann zu bekommen. KOK Bürger findet bei der Recherche heraus, dass gegen den Vater bislang nichts vorliegt.

Den Rest der Nacht bleibt es ruhig. Zeit, um alle Anzeigen bis zum Schichtende um 6 Uhr zu schreiben.

Speerspitze der Kripo

Der Kriminaldauerdienst (KDD) ist die Speerspitze der Kripo. Er ist rund um die Uhr besetzt und für den ersten kriminalpolizeilichen Angriff zuständig: vom Einbruchsdiebstahl über den Kfz-Diebstahl bis hin zum Tötungsdelikt. Beim KDD werden die Strafanzeigen, für die die Kripo zuständig ist, aufgenommen. Während der normalen Arbeitszeit werden die Fälle den Fachkommissariaten übertragen.

In der Nacht und am Wochenende kümmern sich die KDD-Beamten um alles. Die Allrounder sichern dann die Spuren am Tatort, vernehmen und nehmen fest. Mord, Suizid, Raubüberfälle, Betrug, Diebstahlsdelikte, Brände und Sexualstraftaten bestimmen den Berufsalltag der Beamten, die ein hohes Fachwissen haben und physisch sowie psychisch fit sein müssen.

Ein Beruf mit hoher Verantwortung: Sobald ein Arzt auf einem Totenschein ungeklärte Todesursache ankreuzt, müssen die Kripobeamten eine Leichenschau vornehmen. Ihre Arbeit ist die Grundlage, ob ein Staatsanwalt eine Obduktion anordnet oder nicht.

Beim KDD im Polizeipräsidium Nordhessen arbeiten knapp 30 Männer und Frauen, darunter auch Teilzeitkräfte, in fünf Schichten. Eine Schicht dauert zwölf Stunden. Chef des Kommissariats K31 ist Kriminalhauptkommissar Matthias Ullrich. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.