Tag der Kriminalitätsopfer

Prügel vom Partner - die Geschichte eines Opfers

Hilfe für Opfer von Gewalt: Jörg C. Stein, Leiter des Weißen Rings in Kassel, im Gespräch mit Andrea S. Die 39-jährige Kasselerin wurde vor einem Jahr von ihrem Partner geprügelt und dabei schwer verletzt. Foto: Rudolph

Das Thema: Fast 20.000 Straftaten haben sich voriges Jahr in Kassel ereignet, davon 5600 Gewaltdelikte. Der Weiße Ring erinnert jedes Jahr am 22. März an die Opfer von Kriminalität und Gewalt.

Pro Monat wenden sich neun bis zehn Hilfesuchende an den Weißen Ring in Kassel, darunter viele Opfer häuslicher Gewalt. Eine Betroffene erzählt ihre Geschichte.

Kassel. Äußerlich ist Andrea S. (Name geändert) nichts mehr anzusehen von der Prügelattacke ihres Ex-Partners. Aber in ihrem Kopf hat die 39-Jährige auch ein Jahr danach noch zwei Metallplatten. Den 14. Februar 2012 wird die Kasselerin nie vergessen. Ausgerechnet am Valentinstag zertrümmerte ihr damaliger Lebensgefährte, mit dem sie in Offenburg lebte, ihr das Jochbein. Zehn Tage verbrachte die Mutter von zwei Kindern, die sich nach dem Angriff sofort von dem Mann trennte und nach Kassel zurückzog, im Krankenhaus.

Grund für den Gewaltausbruch war eine Lappalie, erzählt Andrea S. Ihr Sohn, damals neun Jahre alt, hatte beim Mittagessen Messer und Gabel vertauscht gehalten, woraufhin ihr Freund das Kind anbrüllte. Ihre Aufforderung, den Sohn nicht so herumzukommandieren, führte zum Ausraster ihres Partners. Als sie in die Küche ging, kam er hinterher, schloss die Tür ab und schubste sie heftig, erzählt die schmale, jugendlich wirkende Frau. „Ich flog nur so zwischen den Küchenzeilen hin und her.“ Andrea S. rief ihrem Sohn zu, er solle die Polizei rufen. Daraufhin sei ihr Partner dem Jungen hinterhergerannt und habe ihn gepackt.

„Als ich dazwischengegangen bin, hat er mich in eine Ecke geschleudert. Ich sah nur noch, wie er ausholte, dann wurde mir schwarz vor Augen. Als ich aufwachte, hing ich an der Wand“, erinnert sich Andrea S. „Ich habe mir dann sofort meine Kinder geschnappt, Telefon und Portemonnaie eingesteckt und bin raus.“

Nach dem Krankenhausaufenthalt habe sie ihren Partner angezeigt. Die Polizei und auch ein Anwalt hätten gesagt, dass sie sich keine großen Hoffnungen auf eine Verurteilung des Mannes machen solle, weil er eine weiße Weste habe.

Endlich ein Urteil

Weil nach einem halben Jahr immer noch nichts passiert war, wandte sich die Kasselerin an den Weißen Ring. „Ich wollte unbedingt, dass der Kerl bestraft wird, denn mir war klar, dass ich nicht die Erste war und auch nicht die Letzte, mit der er so was macht.“ Schon kurz vor der Attacke hatte sie erfahren, dass er in seinem Job als Tennislehrer schon Ärger wegen seines aggressiven Umgangs mit den Schülern gehabt hatte.

Der Weiße Ring setzte sich dafür ein, dass Andrea S., die wegen des Umzugs nach Kassel ihre Stelle als Helferin in einem Kindergarten aufgeben musste, einen Anwalt bekam. „Von Hartz IV hätte ich mir das nicht leisten können.“ Vor Kurzem ist ihr Ex-Partner in Offenburg zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Dagegen habe er zwar Berufung eingelegt. Sie hoffe aber, dass es bei dem Urteil bleibt und er einen Eintrag ins Vorstrafenregister bekommt, sagt Andrea S. „Wenn er sich dann noch mal etwas zuschulden kommen lässt, fällt die Strafe nicht mehr so milde aus.“ Auch auf Schmerzensgeld will die Kasselerin ihn noch verklagen. Der Weiße Ring steht ihr weiter bei.

Von Katja Rudolph

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.