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Kritik an Grünen-Antrag zur documenta: Pläne gefährdeten Kunstfreiheit

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Von: Matthias Lohr

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Kenner der documenta: Stadtplaner Christian Kopetzki (rechts) war im documenta forum aktiv und diskutierte 2007 mit dem damaligen Leiter Roger M. Buergel.
Kenner der documenta: Stadtplaner Christian Kopetzki (rechts) war im documenta forum aktiv und diskutierte 2007 mit dem damaligen Leiter Roger M. Buergel. © Lothar Koch

Mit großer Mehrheit verabschiedeten die Kasseler Grünen einen Antrag zur documenta. Nun gibt es Kritik an den Plänen. Die Vorschläge seien eine Gefahr für die Kunstfreiheit, heißt es.

Kassel – Die Beziehung zwischen Christian Kopetzki und den Grünen ist so alt wie die Partei. Seit 1980 unterstützt der ehemalige Kasseler Uni-Professor für Stadtplanung die Partei. Mitglied ist er seit 1995. Nun übt der 82-Jährige deutliche Kritik an den Grünen. Anlass ist ein Antrag zur documenta, der auf der Kreismitgliederversammlung am 10. September mit klarer Mehrheit verabschiedet wurde.

Darin wird eine grundlegende Aufarbeitung des Antisemitismus-Eklats gefordert, die auch Kopetzki für unverzichtbar hält. Er kritisiert jedoch, dass die Auswahl der Mitglieder der Findungskommission künftig öffentlich vorgestellt und begründet werden soll. Den Kuratoren soll ein Beirat zur Seite gestellt werden. Laut Kopetzki läuft dies „faktisch auf eine Zensur und damit auf ein Ende der Kunstfreiheit hinaus“.

Es sei absehbar, dass sich gesellschaftliche Gruppen zu Wort melden, wenn ihnen Personen oder Inhalte nicht passen. Kopetzki bezweifelt, dass sich dann noch international anerkannte Persönlichkeiten bereit erklären, in einer Findungskommission mitzuarbeiten oder eine documenta zu verantworten.

Auch andere Grünen-Mitglieder und Kenner der Kunstszene bezweifeln, dass die Vorschläge praktikabel sind. Bei der Versammlung hielt jedoch niemand eine Gegenrede. Nur eine Handvoll der 82 Stimmberechtigten votierte gegen den Antrag. Einer von ihnen antwortete auf die Frage, warum er sich nicht zu Wort gemeldet habe, er habe die gute Stimmung nicht stören wollen.

Vor allem die ausgebliebene Debatte frustriert Kopetzki sehr, wie er sagt. Am Tag der Versammlung sei er verhindert gewesen. Seine Kritik habe er zuvor schriftlich an die Partei geschickt. Seine Argumente hätten in eine überarbeitete Version des Antrags aufgenommen werden sollen, habe man ihm gesagt. Dies sei nicht geschehen.

Parteichefin Vanessa Gronemann erklärt auf Anfrage, man habe Kopetzki gebeten, sich direkt mit den Antragsstellern in Verbindung zu setzen. Marianne Knipping, die den Antrag mit anderen Alt-Grünen wie Reinhold Weist und Iring von Buttlar auf den Weg gebracht hatte, erfuhr erst durch die HNA-Anfrage von Kopetzkis Kritik, wie sie sagt.

Die stellvertretende Ortsvorsteherin von Süsterfeld-Helleböhn sagt, dass sie die Befürchtungen ihres Parteifreunds nicht teile. Sie betont, dass „in die künstlerische Freiheit als DNA der documenta nicht eingegriffen werden“ dürfe. Klar sei aber auch, dass Antisemitismus nicht der Kunstfreiheit unterliege: „Es kann nicht sein, dass es so weitergeht.“

Kopetzki indes verweist darauf, dass oftmals gar nicht klar sei, ob Kunst antisemitisch sei, da es unterschiedliche Definitionen von Judenfeindlichkeit gebe. Und er befürchtet, dass es dem Grünen-Oberbürgermeisterkandidaten Sven Schoeller schaden könne, wenn er die Positionen des Antrags vertrete. In seinem Bekanntenkreis gebe es einhellige Irritationen über die Forderungen.

Schoeller ist vom Antrag überzeugt, wie er sagt. Er habe ihn unterstützt, „weil er ein klares Bekenntnis zu Kassel als documenta-Standort beinhaltet, die Kunstfreiheit achtet und sich für Aufklärung und verbesserte Kommunikationsstrukturen ausspricht“.

Auch aus dem Bund habe man viele positive Reaktionen erhalten, sagt Knipping. So sei etwa in der Bundesarbeitsgemeinschaft Kultur über das Papier diskutiert worden. Auf der Bundesdelegiertenkonferenz im Oktober in Bonn wird der Antrag anders als von den Kasselern erhofft jedoch nicht verhandelt: Dafür erhielt er auf Bundesebene zu wenig Stimmen. (Matthias Lohr)

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