Kasseler Professor hat große Teile der Uni gegen sich aufgebracht

Kritik an Gender-Forschung: Biologe sieht „Sekte“ am Werk

Kassel. Das Präsidium der Uni Kassel mischt sich eigentlich nie ein, wenn Professoren öffentlich ihre Theorien und Standpunkte vertreten. Es gilt die Freiheit der Wissenschaft.

Im Fall des Evolutionsbiologen Ulrich Kutschera, der seit 1992 einen Lehrstuhl in Kassel hat, bricht die Uni-Leitung mit dieser Zurückhaltung. Weil der Biologe die Arbeit des ganzen Bereichs Geschlechterforschung (Gender Studies) in einem Radio-Interview als „Unfug“ und Werk einer „feministischen Sekte“ bezeichnete, muss er sich nun vor dem Präsidium verantworten.

Das Interview mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) ist schon ein paar Tage her. Doch bedingt durch die Semesterferien hat es etwas gedauert, bis die Welle der Empörung bis in die Leitungsebenen vorgedrungen ist. Auch der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) hatte die Präsidiumsmitglieder aufgefordert, sich einzumischen.

Lesen Sie auch

Kasseler Professor feindet Vertreter feministischer Theorien an

Prof. Winfried Speitkamp, Dekan des von Kutscheras Kritik betroffenen Fachbereichs Gesellschaftswissenschaften, hält dessen Stil für beleidigend. Dies gelte etwa für dessen Aussage, dass die in der Geschlechterforschung Tätigen wegen ihrer schlechter honorierten Professuren „Gott sei Dank“ nicht besser als Lehrer verdienten. Auch sein „Mokieren“ über das Heiratsverhalten und die Kinderzahlen von Wissenschaftlerinnen sei nicht hinnehmbar. Kutschera hatte in dem RBB-Interview zum Thema Partnerwahl an der Uni beklagt, dass immer mehr Männer für hochqualifizierte Frauen nicht gut genug seien. Dies bringe Probleme für die Fortpflanzung mit sich.

Ulrich Kutschera

Kutschera indes beharrt darauf, dass seine Thesen zwar provokant wirkten, es sich aber schlicht um Fakten handele: „Als international ausgewiesener Biowissenschaftler argumentiere ich ausschließlich auf Grundlage der aktuellen Fachliteratur: Private Meinungsäußerungen kommen in derartigen wissenschaftlichen Stellungnahmen nicht vor“, sagte er der HNA. Gemäß der Gender-Theorie kämen Menschen als geschlechtsneutrale Unisex-Wesen auf die Welt und würden danach gesellschaftlich in eine männliche beziehungsweise weibliche Richtung geprägt. „Man benötigt kein biologisches Spezialwissen, um die Unsinnigkeit dieses geisteswissenschaftlichen Fundamental-Dogmas durchschauen zu können“, so Kutschera.

Speitkamp kritisiert, dass Kutschera allein mit der Brille des Biologen und damit zu einseitig auf die Frage blicke, was Mann und Frau ausmacht. Es gebe in der Geschlechterforschung ganz unterschiedliche Ansätze. Doch Kutschera vereinfache diese „gnadenlos“. Zudem könne der Biologe nicht erklären, warum „es Gesellschaften und Menschen gab und gibt, die nicht seinen biologistischen Modellen folgen“.

Zitate aus dem Interview

• „Jetzt muss ich halt leider feststellen, dass eine andere quasi-religiöse Strömung unter dem Schlagwort, Deckmantel oder der Tarnkappe des Gender-Mainstreaming Fuß fasst und immer mehr - gleich einem Krebsgeschwür - auch Fachgebiete erobern möchte.“

• „Es ist letztlich eine fundamentalistische, feministische Mann-gleich-Frau-Ideologie.“

• „Naturwissenschaftler erforschen reale Dinge, die wirklich existieren. Unsere Theorien basieren auf Fakten. Während in der Sozialkunde eben vor-sich-hintheoretisiert wird in aller Regel.“

• Kutschera vergleicht die Gender-Forschung mit dem Kreationismus. Dessen Anhänger glauben, dass der Mensch durch einen göttlichen Schöpfer erschaffen wurde. In ähnlicher Weise ignoriere die Geschlechterforschung die biologischen Fakten. Insofern sei die Genderforschung wie „Wünschelroutengehen“ oder „Homöopathie“.

• „Sex bedeutet biologisch betrachtet Befruchtung.“ Insofern gebe es nur Heterosex.

Das sagt das Uni-Präsidium

Diese Stellungnahme des Uni-Präsidiums zum Fall Kutschera erhielt die HNA-Redaktion auf Anfrage: „Die Universität Kassel legt in ihrem Entwicklungsplan dar, dass sie Gleichstellung und Diversity (Vielfältigkeit) als zentrale Themen ihrer Entwicklung begreift. Dazu gehört u.a. die Erhöhung des Anteils von Frauen in wissenschaftlichen Spitzenpositionen. Sie hat sich verpflichtet, eine Organisationskultur zu pflegen, die von gegenseitiger Anerkennung und Teilhabe aller Mitglieder der Hochschule geprägt ist. Die Universitätsleitung wird mit Herrn Prof. Kutschera das Gespräch suchen, um ihn an diese Grundsätze zu erinnern. Den Lehrenden der Universität steht es grundsätzlich frei, sich an der öffentlichen Debatte zu beteiligen; dieses Recht respektiert die Leitung der Universität Kassel selbstverständlich. Die Hochschulleitung ist zugleich der Auffassung, dass diese Debatte in einer Atmosphäre des gegenseitigen Respekts stattfinden soll, auch des Respekts gegenüber anderen wissenschaftlichen Disziplinen.“

Das sagt der Biologe

„Am 26. August wurde ich von einem Wirtschaftswissenschaftler aus Niedersachsen darüber informiert, dass zwei Tage zuvor die Hochschulleitung der Universität Kassel auf eine mir unbekannte Beschwerde des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) reagiert hat. Diese hinterhältige Vorgehensweise, sich an die Uni-Leitung zu wenden, ohne mich vorher anzusprechen, ist ärgerlich. Als ausgewiesener Frauenförderer und Befürworter der Gleichberechtigung qualifizierter Forscherinnen muss ich Anschuldigungen bezüglich einer angeblichen Anti-Gleichheits-Politik zurückweisen. Ich habe im Interview lediglich biologische Fakten dargelegt und die Geschlechteridentität hormonell-chromosomal begründet. Ich stimme mit meinen Kritikern überein, dass es ungeschickt ist, sich zuerst auf Interviews einzulassen, und erst im zweiten Schritt die Fakten in Buchform darzulegen. Inzwischen habe ich die relevante Gender-Literatur durchgearbeitet und bin entsetzt und verärgert über das, was dort geschrieben steht. Dies ist ein Frontalangriff gegen rational-naturwissenschaftliches Denken, die Biomedizin als Ganzes sowie unsere naturalistische Wissenschaftstheorie. Nur durch eine umfangreiche Darlegung aller Behauptungen sowie deren Widerlegung, die ich 2016 in Buchform publizieren werde, kann dieser akademische Wildwuchs [...] verbal in die Schrankn gewiesen werden."

Die vollständige Stellungnahme sowie das RBB-Interview finden Sie hier.

Rubriklistenbild: © dpa

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.