Wolfram von Schmieden (Pro Eichendorff-Schule) im Interview

Kritik an Schulpolitik: "Die Zahlen manipuliert"

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Wolfram von Schmieden

Kassel. Die Joseph-von-Eichendorff-Schule soll schließen. Der Schulstandort in Bettenhausen wird 2017 beendet sein (HNA berichtete). Der Arbeitskreis Pro Eichendorff-Schule wehrt sich gegen die Schließung. Sein Sprecher Dr. Wolfram von Schmieden wirft Schuldezernentin Anne Janz Manipulationen der Schülereinwahlzahlen vor.

Schuldezernentin Janz begründet die Entscheidung, die Eichendorff-Schule zu schließen, mit einem steten Rückgang der Schülereinwahlzahlen. Was halten Sie dagegen?

Dr. Wolfram von Schmieden: Wir werfen ihr Manipulationen vor. Erstens wurden Schülerzahlen dadurch runtermanipuliert, dass aufgrund dienstlicher Anweisung ein Aufnahmestopp zur Vermeidung von zwei neuen fünften Klassen erfolgte. Auch Eltern, die ihre Kinder bereits angemeldet hatten, wurden schriftlich aufgefordert, sich nach einer anderen Schule umzusehen. Ist das demografischer Wandel, wenn sich innerhalb eines Jahres die Schülerzahlen halbieren?

Das Kultusministerium hat uns bestätigt, dass der Schulstandort auch mit niedrigen Schülerzahlen in einer Verbundschule erhalten bleiben kann. Janz hingegen will den Standort ausradieren.

Wie hätte die Dezernentin agieren müssen? 

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Von Schmieden: Wir hätten erwartet, dass Frau Janz frühzeitig der Anordnung des Ministeriums folgt und unter Einbeziehung aller drei dort genannten gefährdeten Gesamtschulen, Hegelsberg, Schomburg und Eichendorff, einen Verbund transparent und offen erarbeitet. Sie hätte ohne Beschluss der Stadtverordneten und vorbei an Eltern- und Lehrerwille keine Gespräche über die Schließung führen dürfen. Unserer Aufforderung, ein Gesamtkonzept für alle vom demografischen Wandel betroffenen Schulen vorzulegen, ist Frau Janz bis heute nicht nachgekommen.

Wie erklären Sie es sich, dass so viele Rettungsversuche - zuletzt die Suche nach einer Verbundschule - gescheitert sind?

Informationen über die Eichendorff-Schule finden Sie im HNA-Regiowiki

Von Schmieden: Frau Janz hätte die ausgestreckte Hand des Ministeriums ergreifen müssen, um den Schulstandort durch eine Verbundschule als Chance zu begreifen und zu behandeln. Hat sie die hierfür notwendige Partnerschule ausreichend über die Vorteile einer Verbundschule informiert? Seitens der Kasseler Behörden gab es ebenfalls keine Rettungsversuche, sondern nur Aktivitäten hin zur Schließung: Die Schulleiterstelle wurde nicht mehr besetzt. Frau Janz hat sich jeglicher Kommunikation mit dem Arbeitskreis verweigert. Dies führte für sie bequem dazu, dass sie sich jetzt hinter der ablehnenden Haltung der Schomburg-Schule versteckt und sagt: „Das war’s, Eichendorff wird geschlossen.“ Hier zeigt sich ein für ein Magistratsmitglied unverantwortlicher Führungsmangel.

Nicht auszuschließen ist, dass bei der Überlegung, den Standort plattzumachen, keine pädagogischen Gründe den Ausschlag geben, sondern dass es hier um einen Gewinn aus dem zu erwartenden Immobilienverkauf geht.

Warum hat man zuletzt immer weniger Protest von Eltern und Lehrern gehört?

Von Schmieden: Der eingesetzte Schulverwalter ist der erste uns bekannte Leiter einer Schule, der alles daransetzt, dass seine Schule geschlossen wird. Mit eindeutigem Vorgehen hat er vielfach das Kollegium unter Druck gesetzt, dass die Lehrer sich nur noch in geheimer Abstimmung in der Lage sahen, für den Schulstandort zu votieren. Ähnliche Vorgehensweisen legte er auch gegenüber dem Elternbeiratsvorsitzenden an den Tag. Wie ist bei Angst großer Widerstand zu erwarten?

Warum soll die Schule Ihrer Meinung nach bleiben?

Von Schmieden: Bettenhausen als Stadtteil verliert seine Seele, da der wohnortnahe Mittelpunkt für die jungen Menschen fehlt. In den Räumen wird vielmehr angeboten als Schule. Die Chancen, die eine Club-of-Rome-Schule beinhaltet, werden leichtfertig aufgegeben. Diese Auszeichnung wurde nur 16-mal in Deutschland vergeben an Schulen mit hervorragender pädagogischer Leistung. Es ist nicht zu fassen, dass in der Schulausschusssitzung am 19. Februar die Fraktionsgemeinschaft Rot/Grün den Magistrat auffordert, die Bildungslandschaft in Bettenhausen weiterzuentwickeln, und die Schulschließung besiegelt

Welcher politische Schritt muss jetzt gemacht werden?

Von Schmieden: Wir fordern Aufschub. Die Schließung des Schulstandortes darf jetzt nicht weiterbetrieben werden, um einer Mediation zwischen den möglichen Schulen für eine Verbundschule ausreichend Zeit und Gelegenheit zu geben, unvoreingenommen und offen die Chancen mit den betroffenen Eltern und Lehrern zu diskutieren.

Eltern der nahen Grundschulen müssen schnellstens ermutigt werden, ihre Kinder mit gutem Gewissen in dieser hervorragenden Schule anzumelden. Dies scheint uns nur unter neuer Führung aus dem Magistrat möglich. Daher fordern wir weiterhin den Rücktritt von Frau Janz als Schuldezernentin.

Zur Person: Dr. Wolfram von Schmieden

Dr. Wolfram von Schmieden (56), geboren in Kassel, ist als „freiberuflicher Interims-Manager auf Geschäftsführungsebene“ tätig. Er hat Maschinenbau in Braunschweig studiert und ist promovierter Ingenieur im Fach Produktionstechnik. Von Schmieden lebt in Kassel, er ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Ein Kind der Familie besucht die 7. Klasse der Eichendorff-Schule. Von Schmieden war im Juli 2013 Mitgründer des Arbeitskreises Pro Eichendorff-Schule, einer Gruppe von 20 Eltern, Lehrer, Politikern, Ausländervertretern, Gewerkschaftern.

Von Christina Hein

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