GWG soll bei Hinweisen auf Geldprobleme prinzipiell Mietverträge verweigern

Kritik an GWG: Gemeinnützige Wohnungsfirma will keine Schuldner

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8650 Wohnungen im Stadtgebiet: Mietshäuser der GWG im Stadtteil Philippinenhof-Warteberg. 

Kassel. Fast jeder sechste Haushalt im Stadtgebiet gilt als überschuldet. Ist man erst mal mit negativem Eintrag bei der Schuldner-Auskunftei Schufa gespeichert, so hat man auch bei einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft wie der Kasseler GWG kaum Chancen, einen Mietvertrag zu bekommen.

Diesen Vorwurf erhebt zumindest Sozialarbeiter Rolf Reyher. Er fragt: „Wenn Leute wegen alter Schuldenprobleme noch nicht mal bei Wohnungsfirmen mit städtischem Fürsorgeauftrag unterkommen können, wer soll die dann überhaupt nehmen?“

Reyher war mit einem Klienten, dessen gerichtlich bestellter Betreuer er ist, bei der GWG, um für den Mann nach einer Wohnung zu fragen. Der 43-Jährige wolle aus gesundheitlichen Gründen umziehen, seit über fünf Jahren in seiner jetzigen Wohnung sei er keinen Cent Miete schuldig geblieben. Das Personal bei der GWG sei freundlich gewesen, der Betreuungshintergrund habe die Gesprächsbereitschaft nicht getrübt.

Bis zu konkreten Wohnungsangeboten sei man aber gar nicht erst gekommen, berichtet Reyher. Die Routinefrage, ob ein Schufa-Eintrag bestehe, habe sein Klient bejaht – „alte Sachen aus einer recht bunten Vergangenheit“, erläutert der Sozialarbeiter.

Näheres habe die GWG-Mitarbeiterin aber gar nicht wissen wollen. Ein negativer Schufa-Eintrag sei „ein Ausschlussgrund“. Auch an Personen, die schon einmal einen sogenannten Offenbarungseid geleistet haben sowie an Menschen, die ein Verbraucher-Insolvenzverfahren durchlaufen, könne man leider prinzipiell keine Mietverträge ausstellen. Dies sei seit einiger Zeit ein Grundsatz bei dem Tochterunternehmen der Stadt Kassel.

„Die Mitarbeiterin hat sogar eine Vorgesetzte hinzugezogen, und die hat das bestätigt“, sagt Reyher, der sich als Berufsbetreuer im Auftrag des Amtsgerichts um 60 Klienten kümmert. Bei „mindestens der Hälfte“ habe er dabei auch Wohnungsfragen zu klären. Die GWG sei bisher unter den großen Kasseler Wohnungsfirmen die einzige gewesen, die sich auch bei problematischen Hintergründen kooperativ gezeigt habe. „Diese Tür scheint nun geschlossen zu sein“, resümiert der Sozialarbeiter.

GWG-Geschäftsführer Peter Ley sagte auf Anfrage, es gebe keine Richtlinie, nach der die genannten Kriterien automatisch zur Ablehnung eines Mietinteressenten führen würden. „Wir prüfen jeden Einzelfall“, sagte Ley. Dies biete er nachträglich auch für Rolf Reyhers Klienten an.

Auch bisher schon habe das Unternehmen Schufa-Einträge und andere Hinweise auf Zahlungsprobleme vor Vermietungsentscheidungen berücksichtigt. „Dabei schauen wir uns Häufigkeit und Zeitnähe solcher Einträge an.“ Ley sagte aber ebenso: „Wir sind ständig im Gespräch über unsere Kriterien und entwickeln diese auch weiter.“

Die GWG bekenne sich zu ihrem sozialen Auftrag, was sich daran zeige, dass über 95 Prozent der Mieter weniger Geld als der Durchschnitts-Kasseler zur Verfügung hätten. „Sozialer Auftrag bedeutet aber nicht, dass wir bewusst finanzielle Risiken eingehen“, betonte Ley.

Die meisten zahlen pünktlich

Die weitaus meisten Mieter in den 8650 GWG-Wohnungen zahlen ihre Miete laut Peter Ley pünktlich. Nur in 23 Fällen habe die Firma im Vorjahr wegen hartnäckiger Zahlungsverweigerung Verträge gelöst und nötigenfalls Wohnungsräumungen veranlasst. „Jeder Einzelfall kostet uns bis zu 10 000 Euro und beschäftigt uns neun bis zwölf Monate“, sagt Geschäftsführer Peter Ley.

Um sich davor zu schützen, versuche das Unternehmen, „bestimmte Falltypen“ von vornherein zu identifizieren. Wenn sich Personen beispielsweise schon mehrmals einer Haftanordung zwecks Abgabe der eidesstattlichen Versicherung entzogen hätten, könne das ein Hinweis auf Mietnomadentum sein. Solche Hinweise stünden in der Schufa-Auskunft.

Gehe es aber nur um normale Mahnbescheide, so lasse sich dies meist in Gesprächen mit Mietern und Mietinteressenten klären. Dafür unterhalte die GWG eigens eine Mietschuldenberatung. „Ich bin überzeugt“, sagte Ley, „dass wir bis an die Grenze des Machbaren herangehen.“

Falls die Miete von Amts wegen bezahlt werde, gebe es für die GWG überhaupt kein Risiko. Derzeit werde für 540 Wohnungen die Miete direkt vom Jobcenter oder Sozialamt beglichen. Für 135 GWG-Wohnungen zahle die Stadtverwaltung, um dort kurzfristig Härtefälle einquartieren zu können.

Insgesamt spielen finanzielle Ausfälle bei der GWG offenbar keine gewichtige Rolle. Bei einem Gesamt-Mietenaufkommen von 42 Millionen Euro seien im Vorjahr Mietrückstände in Höhe von 160.000 Euro aufgelaufen. „Das sind gerade mal 0,4 Prozent“, sagt Peter Ley. An etwa 100 Mietparteien pro Monat müsse das Wohnungsunternehmen Mahnungen verschicken.

Von Axel Schwarz

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