Opfer fehlt beim Prozessauftakt

Mit Küchenmesser bedroht: Streit um ein Bier eskalierte

Kassel. Das Attest hatte Staub angesetzt. Fast umgehend war der Betreiber eines Kiosks in Rothenditmold zum Arzt geeilt, nachdem er die Zeugenladung des Amtsgerichts in seinem Briefkasten gefunden hatte.

Er sei krank, ließ er mitteilen, und könne nicht kommen, leider. Die Verhandlung, bei der er als mutmaßliches Opfer eines etwas sonderbaren Raubüberfalls hätte aussagen sollen, aber war erst an diesem Mittwoch. Mehr als zwei Monate später. Da war das Verfallsdatum der Entschuldigung längst überschritten.

Dennoch erschien der Mann nicht vor Gericht - und muss deshalb nun ein Ordnungsgeld von 150 Euro zahlen.

Denn ohne ihn geht es nicht: Was er einst der Polizei erzählt hat, ist die nahezu einzige Grundlage der Anklage. Und der 40-Jährige, den er beschuldigt hat und dem die Staatsanwaltschaft deshalb schwere räuberische Erpressung und Bedrohung zur Last legt, bestreitet die Vorwürfe.

Es geht um einen Donnerstagabend vor mehr als zwei Jahren, im Juni 2011. An jenem Tag soll der Angeklagte, ein Elektroinstallateur, wieder einmal zum Trinken in den Kiosk mit Internetcafé in der Wolfhager Straße gekommen sein. Wegen seines „aggressiven Auftretens“, so die Anklage, sei er vom Inhaber gefragt worden, was los sei. Darauf habe er ein Küchenmesser gezückt und geantwortet: „Du wirst sehen, was los ist. Ich werde dich heute töten.“

Nach einem kurzen Intermezzo soll der Angeklagte sein Gegenüber dann noch einmal mit dem Messer bedroht und Tabak, Zigarettenblättchen und ein Bier verlangt haben. Worauf der Kioskbetreiber die Polizei rief. Als die Beamten kamen, trafen sie die Männer am Verkaufstresen an. Das Küchenmesser lag im Papierkorb, ein Teppichmesser steckte im Socken des Angeklagten.

Freundschaft beteuert

„Ich wollte, wenn die Polizei kommt, kein Messer in der Hand haben“, erklärte der 40-Jährige seine halbherzigen Versuche, die gefährlichen Werkzeuge zu verstecken. Bewaffnet zu sein komme ja bekanntlich nicht so gut an bei den Beamten. Eingesetzt aber, beteuerte er, habe er weder das eine noch das andere Messer. „So wie es hier geschildert ist, stimmt es nicht“, sagte er. „Ich habe keinen Grund, ihn zu bedrohen - er ist ein Freund von mir.“

An jenem Abend, das gibt er zu, sei allerdings „keine gute Stimmung“ gewesen zwischen ihnen. Sie seien in Streit geraten, weil der Kioskinhaber ohne Vorkasse kein Bier mehr habe herausrücken wollen, zum ersten Mal.

„Wir haben uns gegenseitig beschimpft und erniedrigt.“ Mehr aber auch nicht. Erinnern könne er sich, betonte er, noch gut daran - trotz seines Alkoholpegels: Werte von bis zu 2,5 Promille wurden später bei ihm gemessen.

Am 10. September wird der Prozess fortgesetzt. Und dann soll endlich auch der Kioskbetreiber aussagen. Es sei denn, er besorgt sich noch rechtzeitig ein frisches Attest. (jbk)

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